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geschrieben am: 10.05.2004 um 18:40 Uhr
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So wie sie heute gelernt hatte, musste es ein kalter Wintertag gewesen sein. Vielleicht im Januar, vielleicht aber noch im Dezember – zeit hatte in den falschen weissen Waenden keine Bedeutung gehabt, wenn sie sich recht besann, wusste sie damals nicht einmal die Zeit zu bemessen – als „Projekt zoko“ ausser Kontrolle geriet. Sie wusste noch, wie die junge Schwester in einem weissen Kittel an ihr Bett trat, das gleichsam mit weissen Laken bezogen war und ihr das Schaelchen mit den vielen Tabletten reichte. Sie war huebsch gewesen, nicht gerade schlank, doch gewiss fraulich gebaut. Und mit ihren grossen, gruenen Augen wusste sie es streng zu blicken, ohne es gleichsam zu wollen als sie darauf beharrte, dass das Maedchen in ihrem Bette die Tabletten mit einem Schluck Wasser hinunterspuelte. Bewusstseinsfoerdernde Mittel waren es, die sie taeglich einnehmen musste und die sie, ohne dass sie sich dessen bewusst war, langsam aber sicher zugrunde gehen liessen. Und es ward in diesem Momente als die Schwester ihr den Ruecken zukehrte und die eiserne Tuer zu ihrem Zimmer wieder verschloss, dass sie die Stimmen vernahm. Noch leise und verschwommen, doch zu deutlich als dass sie ein Windzug haetten gewesen sein koennen – sollte sie denn wissen was Wind war... „Freiheit – Freiheit“ das war es gewesen was sie riefen – immer und immer wieder lauter und deutlicher und fordernd, bis die Wand zu ihrer Rechten zerbarst, hinabbroeckelte und ein grosses, klaffendes Loch hinterliess, durch welches zu Schlitzen verengte Augen stierten als wollten sie sagen: Komm endlich. Doch ehe sie jenem unausgesprochenen Befehl folgen konnte, griffen kleine zierliche Kinderhaende ihr Handgelenk und zerrten sie hinaus. Es war nicht mehr die Angst, denn der Schock des ploetzlichen Geruches von Freiheit der ihr in die Nase stieg, welcher sie zur Eile bat und ihre Schritte befluegelte. Das weisse Nachthemd das sie trug – oh wie sie diese Farbe hasste – behinderte sie deutlichst beim Lauf, sodass sie rasch zurueckfiel und der kleine Dunkelschopf, der noch immer ihre Hand hielt sie mit Kraft mitzog.
Ja, heute musste sie ihm dankbar sein, dem Kleinen, dass er ihr noch im letzten Augenblicke die schwere Desert Eagle zwischen die kleinen Finger schob und sie so behaende ihren Verfolgern die Kugeln zwischen die Augen bolzen konnte und im Rueckblick zusah wie drei Maenner auf einmal zu Boden gingen. Ihm verdiente sie die neugewonnene Weisheit, dass hinter jeder Mauer mehr sein konnte, als man womoeglich gesagt bekam. Es war fast berauschend wie die frische Luft ihr in die Lungen floss und die Schwaerze der Nacht ueber sie kam. Kaelte und Dunkelheit waren ihr voellig fremd bis zu dem Augenblicke, da sie die Glastuere des Gebaeudes zerschossen und hinausrannten.
Laengst hatte der Junge, der gerade mal ein, zwei Jahre aelter sein konnte als sie, seinen griff von ihr genommen und blieb abrupt stehen. „Verdammt... Lauf weiter und dreh dich nicht mehr um. Ich komme nach - #2 ist noch drinnen“ mit diesen Worten wandte er sich wieder um und in aller Ueberraschung dauerte es einige Sekunden bis sie sich bewusst wurde dass jener, der ihr die Tuer zur Freiheit eroeffnet hatte auf dem Absatz kehrt machte und zurueck zu den weissen Gitterstaeben lief. Das Tatoo mit den Zeichen „#1“ in seinem Nacken war das Letzte das sie von ihm sah, als dann die Alarmsirenen des Gebaeudes schrill durch die Strassen klangen und sie ihren hastigen Lauf ueber die große Bruecke fortsetzte um ein neues – freies – Leben zu beginnen.
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#1 – wieder hingen ihre Gedanken an der Gestalt des kleinen Kindes, welches jetzt – sofern es noch lebte - erwachsen sein musste. Vielleicht haette sie bei ihm bleiben sollen – doch vielleicht war es auch gerade richtig dass sie so schnell wie moeglich aus England rauskam. Jedoch war eines gewiss: Sie waere nicht mit dem Gefuehl alleine anders zu sein, waere er bei ihr oder vielleicht auch das andere Kind, das er zu holen versucht hatte.
Es gab so vieles Vergangenes, was sie zu verdraengen versuchte und in dem Sog der New Yorker Grossstadt, in welche es sie getrieben hatte fand sie als Antwort auf all ihre Fragen einzig die Einsamkeit, die Nacht und die Drogen... Und wenn sie ihre Augen schloss, die großen, dunklen, leeren... Dann fand sie in ihren Traeumen vielleicht auch ihre #1... Doch bis dahin blieb die Nadel ihr Freund, die schwere Desert Eagle und die alte Abneigung gegen weisse Raeume...
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