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geschrieben am: 15.08.2001 um 00:47 Uhr
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(zitat)auf meinen ausgebaelgten geier
1
Du stehst so still und ernst, mein ausgebaelgter Geier,
Ich bringe dir ein Lied mit meiner ernsten Leier.
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Zwar hoerst du nichts davon, dir geht mein Gruss verloren;
Doch Dichter sind gewohnt, zu singen toten Ohren.
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Es lebt ja noch der Geist, der einst dir gab die Schwingen,
Den traf der Jaeger nicht, er hoert mein Lied erklingen.
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Und wenn kein Menschenohr auch meinem Sange lauschte,
So hoert mich doch der Geist, der mir das Herz berauschte.
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Ich wollt, ich waere jetzt in fernen Felsenklueften,
Und du hoch ueber mir, still kreisend in den Lueften;
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Ich liesse froh mein Aug mit deinem Fluge schweifen,
Und wie du niederfaehrst, die Beute zu ergreifen;
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Wie du, atmender Blitz, zu Boden niederzueckest
Und mit den Krallen scharf ein warmes Leben pflueckest;
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Wie du das volle Herz ansetzest als ein Zecher,
Dass mit dem Leben trinkt der Tod aus einem Becher.
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Traun! milder ist der Tod, trotz Blut und Jammerstimme
Wo heisse Lebenslust sich paart mit seinem Grimme,
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Als wo kein Leben ist beim letzten Hauch zu sehen,
Wo still der Tod uns duenkt ein einsames Vergehen.
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Ihr Weinenden am Sarg, an seinem dichten Schleier,
O kommt ins Felsental mit mir und meinem Geier!
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O kommt, Unsterblichkeit will die Natur euch lehren,
Mit diesem Blute will sie troesten eure Zaehren.
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Im Kreischen dieses Aars, mags auch die Sinne stoeren,
Ist fuer die Seele doch ein suesser Klang zu hoeren.
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Hier findet Trost ein Mann, ward ihm ein Glueck zunichte,
Und naeher tritt er hier dem Raetsel der Geschichte.
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Der Geist, der heiss nach Blut hiess diesen Geier schmachten,
Es ist der starke Geist zugleich der Voelkerschlachten;
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Ein rasches Pochen ists, ein ungeduldigs Draengen
Der Seele, ihren Leib, den Kerker, aufzusprengen.
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Den grossen Kaiser hat einst dieser Geist durchdrungen,
Er hat ihm hoch sein Schwert zur Voelkermahd geschwungen;
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Dem Jaeger, der als Wild die Menschheit trieb im Zorne
Durchs Dickicht seines Heers und Bajonettendorne;
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Der, wie das Schicksal, fest beim Wehgeheul der Schmerzen,
Saatkoerner seines Ruhms, warf Kugeln in die Herzen;
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Und der auf Helena, wenn rings die Meerflut schaeumte,
Beim Sturme sich zurueck in seine Schlachten traeumte. –
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Mehr als ein blutger Tod macht es mein Herz erbeben,
Wenn unsichtbarer Hauch verweht ein Menschenleben;
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Wenn uebers Angesicht das Spiel vom letzten Schmerze
Hinzittert wie der Rauch der ausgeloeschten Kerze.
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Doch furchtbar ist der Tod, ein Grauen nicht zu zwingen,
Wenn eine Seuche kommt, die Voelker zu verschlingen.
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Der Kaiser liegt im Grab, die Menschen wollen Frieden,
Da ward nach lautem Schreck ein stiller herbeschieden.
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Viel tausend Leben hat die Seuche fortgenommen,
Als haette die Natur Verzweiflung ueberkommen,
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Als waere die Natur gejagt von einem Fluche,
Dass mit geheimem Gift den Selbstmord sie versuche.
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Ein Geier ist der Krieg, Herzblut ist sein Verlangen
Die Seuche, still und glatt, ist vom Geschlecht der Schlangen.
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Wo diese Schlange schleicht, fliegt ihr voran das Grauen,
Weil wir die Schlange nicht und ihren Rachen schauen.
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Doch wie der wilde Aar, mit seinen scharfen Faengen,
Will auch die Schlange nur das Leben vorwaerts draengen.
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2
Du toter Geier stehst noch immer wild und edel,
Und neben dich gestellt hab ich den bleichen Schaedel.
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Ich lasse dir nach ihm den Schnabel niederhangen,
Als haettest du gespeist das Fleisch von seinen Wangen.
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Es mag an diesem Bild sich gern mein Blick entzuenden,
Sehnsuechtig traeumen sich nach Himalayagruenden.
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Hier muss das Grauen selbst der Seuche sich verlindern,
Seh ich, Natur, wie du hier schwelgst in deinen Kindern!
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Fort wird das Bild des Tods vom Lebenssturm getragen,
Der Siegesruf verschlingt mir alle Todesklagen.
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Und mit den Geiern dort, die um die Leichen schwanken
Lass fliegen ich am Strom Unsterblichkeitsgedanken.
nikolaus lenau, 1838, 1802-1850(/zitat)
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