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Nutzer: Birdiyana
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geschrieben am: 20.06.2003    um 19:22 Uhr   

Das Gedicht

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: «Ich revolüzze!»
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Strassen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Strassenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: «Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Lasst die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit.»

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Erich Mühsam

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Nutzer: Birdiyana
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geschrieben am: 20.06.2003    um 19:23 Uhr   

Barrikadenklänge

Warum mein Herz nicht freudig schlägt
Zu all' dem Jubel, diesen Festen?
Mir ist's wie Ahnung stumm bewegt,
Ich traure mit des Volkes Besten.

Denn wer um Freiheit muthig rang,
Noch kann er sich zum Fest nicht laden;
Ein Kämpfer steht er, ernst und bang
An den Gedanken-Barrikaden.

Und trägt ihn noch, den schwarzen Flor,
Den er der alten Schmach getragen,
Und sieht in einem Meteor
Noch keine Sonne wieder tagen.

Wer in das Blut, das für ihn rann,
Sein Tuch, das thränenfeuchte, tauchte,
Auf diese rothe Fahne dann
Der Freiheit heiße Schwüre hauchte:

Der harret aus. Noch ist es nicht
Gelöst, das alte Mißverständniß,
Das Jahrelang dem neuen Licht
Verschlossen blieb - der Welterkenntniß.

Der reicht mit kindischem Vertrau'n
Die Siegerhand nicht hin versöhnend,
So lange noch herniederschau'n
Die alten Götzenbilder höhnend.

So lange noch ein Pferchsystem
Geschmiedet wird den Nationen,
Der Völker heiligstes Problem:
Der Herrschsucht Mühsal zu belohnen.

So lange Macht das Losungswort
In dem politischen Capitel,
So lange nicht die Hand verdorrt,
Die frech auslangt nach Kron' und Titel.

Kein deutsches Reich, nicht Schwarz, Roth, Gold!
O werft das Spielzeug aus den Händen.
Blickt in die Zukunft! drohend grollt
Der Himmel und wird Blitze senden.

Ein neues Reich, loh angefacht
Von segenbringenden Gewittern
Wird, eh' der neue Tag erwacht,
Die alte deutsche Nacht durchzittern.

Schon fühl' ich sein begeisternd Weh'n
Wie eines Gottes große Mahnung,
Den Sturm gewaltiger Ideen
In heiliger Sybillen-Ahnung.

Ich fühle: Ja, ein neu Panier
Wird Deutschlands Volk einst siegreich schwingen:
Der Menschheit Einendes Panier
Wird Allen die Erlösung bringen.

Louise Aston

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geschrieben am: 20.06.2003    um 19:24 Uhr   

Piedro

Dunkel ruhet auf den Wassern,
Tiefe Stille weit umher,
Piedro's Schiff nur theilt die Wellen,
Seine Ruder schlägt das Meer.

Aber Piedro steht am Maste
Und sein Aug' in trüber Glut,
Sucht den Räuber der Geliebten,
Sucht sie durch des Meeres Fluth.

Endlich naht er ihrem Segel,
Endlich geht die lange Nacht,
Und mit ungedult'ger Eile
Ordnet er der Schiffe Schlacht.

Viele fallen, Viele siegen,
Einer kämpft mit Löwenmuth,
Naht sich Piedron durch die Menge
Kühnlich mit bescheidnem Muth.

Und sie kämpfen, keiner weichet,
Tapferkeit wird wilde Wuth;
Und in zornigen Strömen mischet
Sich der Kämpfer heißes Blut.

Endlich in des Jünglings Busen
Senket Piedro seinen Stahl,
Vor dem unwillkommenen Gaste
Flieht sein süßes - Leben all.

Und er stirbt so hold im Tode,
Daß Piedro niedersinkt,
Und von seinen blassen Lippen
Reuig heiße Küsse trinkt.

Nacht will endlich niedersinken,
Tiefe Stille weit umher;
Piedro's Schiff nur theilt die Wellen,
Seine Ruder schlägt das Meer.

Piedro aber liegt verwundet
Einsam in des Schiffes Raum;
Seine Seele ist gefangen,
Ganz und gar in einem Traum.

Denn ihm däucht er sey umschlungen
Von des todten Jünglings Arm,
Freundlich will sein Auge brechen,
Doch es schlägt sein Herz noch warm.

Piedro will sich von ihm reißen,
Doch mit sehnsuchtsvollem Blick
Und mit heißen Liebesküssen
Hält der Knabe ihn zurück.

Freudig, daß er sie befreiet,
Tritt die Braut zu Piedro hin,
Will ihn trösten, will versuchen,
Ob die bösen Träume fliehn.

Und sie neigt sich zu ihm nieder,
Ruft des Theuern Namen laut.
Er erwacht und mit Entsetzen
Wendet er sich von der Braut.

Und er mag sie nicht mehr schauen,
Ihre Liebe ist ihm Pein.
Tief versenkt nur im Betrachten
Des Gestorbenen mag er seyn.

Und das süße Mädchen weinet
Sie verhüllt ihr Angesicht,
Möchte gern vor Schmerzen sterben,
Nur den Theuern lassen nicht.

Piedro siehts, ein tiefes Sehnen
Zieht ihn nach des Grabes Ruh,
Er zerreißt der Wunde Banden
Und geht still den Todten zu.

Dunkel ruhet auf den Wassern,
Tiefe Stille weit umher,
Piedro's Schiff erreicht die Küste,
Aber er schläft tief im Meer.

Karoline von Günderrode

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geschrieben am: 20.06.2003    um 19:26 Uhr   

Die Stubenburschen

Sie waren beide froh und gut,
Und mochten ungern scheiden;
Die Jahre fliehn, es lischt der Mut,
Der Tag bringt Freud' und Leiden,
Geschäft will Zeit, und Zeit ist schnell,
So unterblieb das Schreiben,
Doch öfters sprach Emanuel:
»Was mag der Franzel treiben?«

Da trat einst Wintermorgens früh
Ein Mann in seine Stube,
Seltsam verschabt wie ein Genie,
Und hager wie Coeur Bube,
Sah ihn so glau und pfiffig an
Und blinzelt' vor Behagen:
»Emanuel, du Hampelmann!
Willst du mir denn nichts sagen?«

»Er ist es!« rief der Doktor aus,
Und reicht ihm beide Hände.
»Willkomm, Willkomm! wie siehst du aus?
Ei, munter und behende.« -
»Ha« rief der andre, »Sapperment,
Man sieht, du darfst nicht sorgen!
Wie rot du bist, wie korpulent!
Du hast dich wohl geborgen.«

Drauf saß man zu Kamin und Wein,
Ließ von der Glut sich rösten,
Und ätzte sich mit Schmeichelein,
Den Alternden zu trösten.
Ein jeder warf den Hamen hin
Als wohlgeübter Fischer,
Und jeder dachte still: »Ich bin
Gewiß um zehn Jahr frischer.«

Man schüttelte die Hände derb,
Dann ging es an ein Fragen.
Reich war des Medikus Erwerb,
Und dennoch mocht' er klagen.
Er sah den Franz bedenklich an,
Und dacht', er steck' in Schulden,
Doch dieser prahlt': er sei ein Mann
Von »täglich seinem Gulden«.

Zwei Jahre hat er nur gespart,
Und dann, ein kecker Kämpfer,
Gerasselt mit der Eisenfahrt,
Gestrudelt mit dem Dämpfer!
O wie er die »Stadt Leyden« pries,
Und der Kajüte Gleißen!
Nach seiner Meinung dürfte sie
»Viktoria« nur heißen.

Das hat den Medikus gerührt,
Ihm den bescheidnen Schlucker
Lebendig vor das Aug' geführt,
Der Klöße aß wie Zucker.
Und gar als jener sprach: »Denkst du
Noch an die halbe Flasche?«
Der Doktor kniff die Augen zu
Und klimpert' in der Tasche.

Dann ging es weiter: »Denkst du dort?
Und denkst du dies? und jenes?«
Die Bilder wogten lustig fort,
Viel Herzliches und Schönes.
Wie Abendrot zog ins Gemach
Ein frischer Jugendodem
Und überhauchte nach und nach
Der Pillenschachteln Brodem.

Am nächsten Morgen hat man kaum
Den Doktor mögen kennen,
Man sah ihn lächeln wie im Traum
Und seine Wangen brennen;
Im heiligen Studierklosett
Hört' man die Gläser klingen
Und ein mißtöniges Duett
Aus Uhukehlen dringen.

Nicht litt am Blute mehr der Mann,
Am Podagra und Griese;
Sah er den dürren Franzel an,
So schien er sich ein Riese;
Hat er den Franzel angesehn
Mit seinem Gulden täglich,
So mußt' er selber sich gestehn,
Es geh' ihm ganz erträglich.

Doch als der dritte Tag entschwand,
Da sah man auch die beiden
Betrübten Auges stehn am Strand,
Und wieder hieß es: Scheiden.
»Leb' wohl, Emanuel, leb' wohl!« -
- »Leb' wohl, du alte Seele!«
Und die »Stadt Leyden« rauschte hohl
Durch Dunst und Wogenschwele.

Drei Monde hat das Jahr gebracht,
Seit Franzel ist geschieden,
Mit ihm des Hypochonders Macht;
Der Doktor lebt in Frieden.
Und will der Dämon hier und dort
Sich schleichend offenbaren,
So geht er an des Rheines Bord
Und sieht »Stadt Leyden« fahren.

Annette von Droste-Hülshoff

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geschrieben am: 20.06.2003    um 19:32 Uhr   

Dafür bist du doch Soldat

Egal, was immer dein Begehr
Du hast es bei der Bundeswehr
Wie Uniformen und Kanonen
Einen Gürtel für Patronen
Eine Ecke zum drin Wohnen
Panzer, Matsch und Stacheldraht
Dafür bist du doch Soldat

Du hast 'nen Unteroffizier
Und einen Panzergrenadier
Und einen Feldherrn, einen Pfaffen
Hauptmanns Bildnis zum Begaffen
Und - nicht zu vergessen - Waffen
Und Befehl zu frischer Tat
Dafür bist du doch Soldat

Du kriegst Kommando für den Marsch
Und einen Stockhieb auf den Arsch
Befehl zum In-der-Reihe-Stehen
Und zum Starr-nach-vorne-Sehen
Dann ein Schuss im Handumdrehen
Und ein toter Kamerad
Dafür bist du doch Soldat

Und wenn du irgendwas vermisst
Weil du so unersättlich bist
Bemüh dich um ein Rangabzeichen
Dass du glänzt vor Deinesgleichen
Um ein Schlachtfeld voller Leichen
Ums Verrecken für den Staat
Dafür bist du doch Soldat

© Gereon Janzing

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