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geschrieben am: 15.05.2003 um 06:14 Uhr
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Warum es keinen Heiligen Krieg gibt
Es ist an der Zeit, einen absichtlich in diesem Text gehaltenen Mißstand zu bereinigen. Dschihad – das übersetzt man nicht mit „Heiliger Krieg“, sondern mit „Heiliger Kampf“. Das ist noch nicht die Begründung der in der letzten Überschrift aufgestellten Aussage, denn so einfach ist der Islam nicht, obwohl er wesentlich einfacher ist, als viele Menschen ihn sehen. Das, was man mit „Heiliger Krieg“ übersetzt, ist bestenfalls der Dschihad des Schwertes, obwohl sich sicherlich die meisten Muslime jenseits des Fundamentalistischen dagegen wehren werden, den Begriff „Heiliger Krieg“ überhaupt anzunehmen, da er in dem eigentlichen islamischen Empfinden keinen Bestand haben kann – das Wort „Islam“ bedeutet Friede. Jedweder bewaffnete Kampf soll ausschließlich aus dem verteidigenden Aspekt heraus geführt werden.
Nun hat sich die Kriegsführung seit dem Propheten Mohammed weitreichend verändert. Der Dschihad des Schwertes ist ein Dschihad der Raketen, Landmienen, der biologischen Kriegsführung geworden. Im schlimmsten Falle wird ein kommender derjenige Dschihad, den man auch die Apokalypse nennen könnte. Die Ausmaße der Zerstörung sind allein derart gewaltig, daß die Selektion zwischen Gerechtigkeit und Rache nahezu unmöglich von den Kämpfenden selbst auf dem Schlachtfeld getroffen werden kann. Auf einem Schlachtfeld herrscht eine Ausnahmesituation. Natürlich ist es wünschenswert, sich auch dann an die Menschlichkeit zu entsinnen, wenn gerade jemand versucht, einem eine Kugel in den Kopf zu jagen, weil man an Allah glaubt, und es ist wünschenswerter, sich an die Menschlichkeit zu entsinnen, wenn man den Menschen findet, der... wie wäre es mit... den besten Freund gerade erst gefoltert, verstümmelt und ermordet hat – mit der Gelegenheit, diesem Folterer am eigenen Leib zu demonstrieren, wie unmuslimisch das ist. Es ist schlichterhand unmöglich, in einer Situation aus Mord und Totschlag, in welcher nicht selten Kinder und Frauen genauso Opfer sind wie die Männer, einen derart klaren Kopf zu bewahren, daß man für sich als in den (gerechten) Heiligen Kampf getretener Kämpfer den Anspruch erheben kann, das rechte Maß der Gegenwehr einzusetzen. Wie weiß ich, daß ich mich genügend zur Wehr gesetzt habe? Genügt es, den Angreifer jetzt zu besiegen? Kann man ihn dann ziehen lassen? Oder wird er nicht eher stetig weiter bemüht sein, meinen Glauben, mein Volk, meine Familie und mein eigenes Leben zu vernichten, sollte ich ihm daher nicht lieber zuvor kommen? Ein jeder Muslim, welcher in den Dschihad des Schwertes zieht, muß sich der Konsequenz bewußt sein, daß er zwangsweise Schuld auf sich lädt und mit sich vereinbaren, in wie weit diese Schuld durch die Aufrichtigkeit des Anlasses seines Kampfes aufzuwiegen ist. Es ist etwas, das der Koran der eigenen Verantwortung im Dialog mit Gott übergibt. Es ist das eigene Gewissen, das hier Maßstäbe setzt, und das Wissen, am Ende des irdischen Lebens Gott Rechenschaft ablegen zu müssen für die eigenen Taten.
Unter dem Gesichtspunkt einer praktischen Unmöglichkeit, die Menschenwürde zu wahren, wenn man sich im Kriegszustand befindet – unabhängig davon, wem diese Wahrung zugute kommt -, drängt sich der Gedanke auf, daß das Risiko einer Eskalation des Konflikts derart gewichtig ist, daß ein Heiliger Kampf des Schwerts gar nicht mehr vor dem Aspekt des Seelenfriedens zu verantworten ist. Auch der Islam stellt das Leben und die Menschenwürde an höchste Stelle, obwohl es nicht so scheint, da dies aus dem (gerechten) Heiligen Kampf heraus resultiert. Das allein initiiert eine Aufwiegung von beidem gegeneinander, und dem Menschen ist durch die Fähigkeit, zwischen „richtig“ und „falsch“ zu differenzieren, auferlegt zu entscheiden, was vor der brachialen Gewalt aller Konsequenzen aufrechten Gewissens unmöglich zu entscheiden ist. Es sei an dieser Stelle behauptet: einen Heiligen Kampf des Schwerts im Sinne des Islam gibt es nicht.
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