Auf den Beitrag: (ID: 36732) sind "46" Antworten eingegangen (Gelesen: 2347 Mal).
"Autor"

Wortwerk

Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 13.03.2003    um 12:07 Uhr   

Hallo, liebe Lyriker... und Lyrik-Leser *eg* (und solche, die beides werden wollen).

Ich hab mich nun endlich nach Jahren dazu entschieden, einen Sammelthread für all meine Arbeiten zu beginnen, um diesesn Riesenwust von Threads, die ich im Falle einer produktiveren Phase im Forum verursache, einzudämmen, und vor allem auch, um es selbst leichter zu haben und einen Überblick zu gewinnen.

Bitte wundert Euch nicht, wenn hier auch die Gedichte auftauchen, die ich früher schon einmal gepostet habe, es geht mir nicht ums Flooden, sondern es geht mir um die Vollständigkeit.

Es werden hier auch Auszüge aus meinen Geschichten, Essays und anderes (wenn mir einfällt, was) hier eingebunden werden, sofern das Material nicht threadbezogen auf Beiträge anderer greift - es hat keinen Sinn etwas zu extrahieren, das ohne den Kontext nicht verständlich wäre.

Desweiteren sind mir in diesem Thread Anregungen, Kritik, Verbesserungsvorschläge und Gedanken zu den Themen sehr willkommen, bitte aber setzt keine "Antwort-Gedichte" hier herein, weil dies kein Thread wird, der ein Hauptthema hat, das von allen interpretiert werden darf.

Ich danke für Euer Verständnis, freue mich auf viele weitere Lese-und Reimestunden, und somit steht eigentlich nichts mehr im Wege zu beginnen.

Liebe Grüße

Engelsfall/Höllenstern

  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 13.03.2003    um 12:08 Uhr   


Die Zeit im Weg

Mir steht die Zeit im Weg.
Und jeder Schritt mißt tausend Meilen,
den man auf der Erde tut.
Ein gestern/heute/morgen-Reigen
entfacht in allverzehrnder Glut
mit Langsamkeit will alles eilen
wohl über Pfad und Steg.

Die Kreise schließen sich.
Und jeder Schluß ein Neubeginn
der das Alte weiter führt
einem irgendwo vorhandnem Sinn
sich stets zurück entgegen schürt
ewig an das Rund versprochen hin:
im Wege bin mir ich.

Die Zeit ist wie ein Schwur.
Und nur weil man den Kreis umrundet
ist es nicht, daß man ihn kennt
da nur, wem auch das Innre mundet
es dann als fremd nicht mehr benennt
wer Umfang als den Kreis bekundet
der findet Schaden nur.

Mir steht die Zeit im Weg.
Und jeder Schritt mißt tausend Meilen
bis man ihn auch ganz beging.
Ich weiß ich möchte nicht mehr eilen;
wie leicht man sich in Hast verfing,
der Wunsch im Maße zu verweilen
den tief in mir ich heg.

Die Kreise schließen sich
und vieles Gute liegt in Freiheit dar.
Ohne wird nie wahrhaft dienen
wie wer nie ein Bettler war ein Zar.
Es bleibt unter allen ihnen
jeder langsam, der nie langsam war,
der nie sich selber wich.

  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 13.03.2003    um 12:12 Uhr   


Weiche

Eisigkeit nun weiche,
falle ab von mir wie Staub
von modernden Deckeln
zugeschlagener Truhen.

Frühlingswinde wittert
mein alt gedunkeltes Holz,
entsinnt sich ans Wachsen
vor so langer Zeit.

Waren da nicht Träume
von Zweigen und Himmel
von Regen und von Sonne
jenseits des Mottenpapiers?

Eisigkeit nun weiche,
mein Herz ist nicht taub,
meine Ohren sind nicht taub,
nur etwas steif ward ich.

Eingerostet die Scharniere,
faßreifen-fesselnde Beschläge:
zerspringt unterm Begehren
nach purer Lebendigkeit.

Eisigkeit, nun weiche,
Wurzeln schlag ich nimmer.
Doch leben kann ich noch
und leben will ich immer.

  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 16.03.2003    um 14:08 Uhr   


Friedhofsgeiger

Und leise spricht die Nacht:
Frühling ist es überm Moor.
die Grillen steigen singend
aus Grabestief empor.

Alleine ist der Mond:
Dunkle Nacht, die er erkor
und Nebelschwaden heben
sich alsbald hervor.

Mächtig wie ein König:
zerbrechlich so wie Glas
wer weiß was an der Seele
des Friedhofsgeigers fraß.

Tänzer auf den Zweigen:
der Harlekin des Wahn
verfallen sind ihm alle
wie Sterne ihrer Bahn.

Geheimnisvolle Lieder:
webend Netze überm Moor
und abertausend Geister
leihen ihm ihr Ohr.

Der Spieler jener Geige:
geheimnisvoll sein Gang.
Und gehst Du in die Moore
werd Freund ihm oder Fang.

Und leise spricht die Nacht:
Frühling ist es überm Moor.
Einsamkeit und Klänge
Weg zum Traumestor.

Schwinden bald die Sinne:
liebes Leben, lieber Tod
und mit dem Geigenkasten
schwindet bald die Not.

Mondbleich auch die Züge:
stechend ist der Blick.
Freund sein oder Fang,
es gibt nun kein zurück.

Geheimnisvolle Lieder:
trügerischer Streichgesang
Wenn die Grillen schweigen
zieht er das Moor entlang.

Zarte Geigenklänge:
sie wehen mild einher.
Wen das Moor verschlungen,
den gibt es nimmer her.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Friedhofsgeiger
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 08.09.2002
Anzahl Nachrichten: 208

geschrieben am: 16.03.2003    um 21:47 Uhr   
Hammer! Ich liebe das Gedicht! Danke, danke, danke...

auch die anderen sind wundervoll, aber das Gedicht... wow.. mir fehlen die Worte
  Top
"Autor"  
Nutzer: fratzmausi
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.01.2000
Anzahl Nachrichten: 2216

geschrieben am: 17.03.2003    um 07:59 Uhr   
wow! :-)
  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 17.03.2003    um 12:29 Uhr   


Boote

Verträumt schweben Boote auf dem dunklen See.
Vergessen, ach vergeben, verirrt selbst im Schlaf.
Kein Ring auf dem Wasser, nicht Regen und Schnee
berühren das Dämmern, das Schweigen ist brav.

Der Wind döst in den Zweigen jenseits am Ufer.
Der Frühling dem Herbst, sie reichen die Hand.
Stille schreit auch der Kranich, am Sturmesrufer,
der Frieden erwürgt sich mit spinnenfein Band.

Vollkommen! Nicht lebend, nicht tot. Verworren.
Die Herzen stehn still, verweigern das Ticken.
Trägheit! Dunstschwere Glocke qualmigen Nichts.
Glasige Leere, vibrierend, leise, voller Bedrücken.

Verträumt schweben Boote auf dem dunklen See,
ohne zu atmen sind die Fährleut an ihren Stangen.
Und ihre Augen sind trüb, zuviel Irrnis und Weh.
Verletzt glimmt Laternenlicht in seinem Bangen.

Es fällt die Nacht, fällt ohne Ende. Verlorene Zeit.
Die Mücken dünkeln friedlich auf schwarzem Naß.
Geöffnete Münder, gefrorene Absicht und Ewigkeit.
Pathetische Stille spielt melancholisch den Baß.


[Eines im alten Stil: gehört auch zum Gedichtband "Enigma".]


Geändert am 17.03.2003 um 12:31 Uhr von Engelsfall
  Top
"Autor"  
Nutzer: ZerKnuellsDoch
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 19.11.2002
Anzahl Nachrichten: 93

geschrieben am: 17.03.2003    um 14:02 Uhr   
Klasse!

Hier gibts tatsächlich noch Lyrik vom feinsten zu lesen! Es lohnt sich doch noch, ab und zu reinzuschauen.

greetings

Annette Droste ZerKnuellsDoch
  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 17.03.2003    um 21:38 Uhr   


Faulende Stille

Faulende Stille hat sich gegraben in ölige Äcker jenseits der See.
Gammelnde Seide, zerfetzt an Standarten, treibt Tränen zurück:
und Tränen hatten sie viele, viel mehr als vom Lachen vom Weh
von süßlichen Sterbensdüften gebissene Sinne, verlorenes Glück.

Ich hab vergessen, warum all die Kriege, hatt ich es eben gewußt?
Bin so müde, geh zur Ruh, macht mir meine Augen zu,
bettet mich in Ebenholz, nur LebendŽ lassen nicht vom Stolz,
vergessen nicht, ihr habts gewußt, daß ich daran sterben mußt.

Faulende Stille hohler Tiraden, denen bereits das Echo verstumpft
in all ihrem Begehren der Kronen von Reichtum und Macht,
da haben wir uns in unseren eignen Fäden verheddert versumpft
und man hört nur den Wahnsinn und Gier, wo einer noch lacht.

Bin so müde, geh zur Ruh, schlagt über mir den Deckel zu,
die Hände faltend auf der Brust, lieber Gott, ich habs gewußt,
bettet mich in Ebenholz, verbrennt mit mir auch meinen Stolz,
kein Grab will ich, wo Kriege sind, drum gönnt mir rastlos Ruh.

Faulende Stille in öligen Äckern, vergiftete Knochen allüberall.
Gammelnde Seide, zerfetzt an Standarten, sinnlos geworden
nur ein augenlos Zeuge unzählig ölig-goldener Könige Fall.
Und still und verborgen sterben die Käfer, an Leichen verdorben.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 20.03.2003    um 12:35 Uhr   


Glaubensbekenntnis

ich glaub ich bin aus träumen nächtens aufgewacht
ich glaub mir wurd erkenntnis durch sie mitgebracht
ich glaube an den zauber einer stillen nacht
ich glaube daß die kleinsten das größte schon vollbracht
ich glaube an die liebe, daß man sie finden kann,
ich glaube an vergebung, an zweifel dann und wann
ich glaube an die gnade eines wahren gotts
ich glaube an den glauben, dem unglauben zum trotz
ich glaube an den frieden, und an einen sinn
ich glaube daß ich damit nicht alleine bin

ich glaube daß die wahrheit vielgesichtig ist
ich glaube daß zu oft man an sich selber mißt
ich glaub daß wahre helden manchmal kinder sind
ich glaube die justitia ist gar nicht wirklich blind
ich glaube daß der glaube berge versetzen kann
ich glaube das ist müßig, legt man nicht hand mit an
ich glaube an die menschen und an ihre kraft
ich glaube daß das böse auch mal gutes schafft
ich glaube daß es immer lösungswege gibt
von denen man am ende nicht bauchschmerzen kriegt

ich glaube daß wer nicht kämpft jener ist der siegt
ich glaube daß man manchmal auch ohne flügel fliegt
ich glaube daß man schuldlos schläge mal bekommt
und daß sich mal ein jeder in fremdem ruhme sonnt
ich glaube daß gerechtheit noch am schwersten wiegt
ich glaube es ist wichtig, daß man aufrecht liebt
und glaube es ist nötig, daß man sich wichtig nimmt
weil es daß man nichts wert ist, nicht im geringsten stimmt
ich glaube an den glanz der stillen bescheidenheit
ich glaube eines tages sind alle herzen weit

ich glaube daß ein schwert auch nur mit schwertern spricht
ich glaube daß zu schnell man zu viele stäbe bricht
ich glaube an ein einzges letztliches gericht
ich glaube daß das ende des tunnels liegt im licht
ich glaube auch daß spiegel mehr als spiegel sind
ich glaub daß man ehrlich tatsächlich mehr gewinnt
ich glaube daß wir längst schon in utopia sind
ich glaube daß ichs eher doch im herzen find
ich sagte ja ich glaube auch an einen sinn
und eines tages zeig ich euch den weg dahin


  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 21.03.2003    um 08:20 Uhr   


Morgen nach der Schlacht

Als Spiegel einer Weite, die zum Schweigen bringt,
die allem Schrei zur Seite nichts als Stille singt
da führen weite Schritte auf dem Feld einher
die Wanderin zur Mitte wie die Hand den Speer.

Es schweifen bald die Blicke, Augen nächtlich blau –
so wie die Henkersstricke ist das Sehen rauh
erfassen das Geschehne, funkelnd voller Zorn,
gespannte Bogensehne, Wut so wie ein Dorn.

Da greifen schmale Hände fester noch das Schwert
als ob etwas bestände, das den Kampfe wert
das Haupt wird nicht zum Himmel hoffend aufgewandt
hat nicht der Leichenschimmel diesen schon verbrannt?

Zerfetzt sind all die Banner, Zeugen jähen Tods
die ersten Vögel Spanner frühen Morgenrots
und golden ist die Sonne, Licht ist was sie webt
die Gleichmut eine Wonne, der sie sich enthebt.

Hell blitzen tausend Klingen, laden ein zur Rast
im Sinn noch zu bezwingen allerletzte Hast
die Sonne strahlt Verzweiflung in die klare Welt.
Vollkommene Ergreifung, Traurigkeit erhellt.

Unfähig sich zu setzen, unfähig zu gehn
was könnte mehr verletzen – sie bleibt einfach stehn
und nichts bleibt mehr an Taten, nichts was übrig ist
hat gnadenlos verraten eine jede List.

Und alle Sinne führen will die Helligkeit,
doch wie will man berühren jenseitig vom Leid?
Als Sterne perlen Tränen funkelnd ganz aus Glas:
verätzt, bleibt zu erwähnen, Spuren die das fraß

als Spiegel einer Weite, die zum Schweigen bringt,
vom Zugehörn befreite, wo die Welt versinkt.
Da bleibt sie einfach stehen, Krieger ohne Sinn.
Man muß manchmal verstehen, alles geht dahin.


[31.01.2003]


  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 21.03.2003    um 08:29 Uhr   


Ein Feuerstrauch

Orange und rot und golden wiegen sich Blätter im Blei,
hei, wie an dem kleinen Feuerstrauch die Funken glühen,
wie die Windsbraut an ihm zerrt und die Schauer sprühen,
auserkoren, daß er am Hochzeitsfest ihr Brautstrauß sei.

Im warmen Fenster hockt des Nachbars schwarze Katz,
auf dem antiken Gesicht ein ausgestopfter, scheeler Blick,
sieht sie um den Feuerstrauch den seelenangegrauten Strick;
eifrig, mühsam, ängstlich gräbt er sich fest an seinem Platz.

Im Frühling sah ich in dem Feuerstrauch die Elfen nisten
und zum Sommer blühte er für Mensch und für alls Getier,
jetzt rollen zu seinem Fuße Eicheln wie Schädel als Zier.
Im Winter werden sie tun, als ob sie vom Strauche wüßten.

Ach armer, kleiner Feuerstrauch, wie tapfer du doch bist
und halte dich nur kräftig fest, auch wenn sie dich zerreißen,
deine abgezogene Rinde wird der erste Schnee dir weißen,
die gezausten Blätter dir begraben, der Tod nur eine List.

Im nächsten Jahre erst sah ich mein Sträuchlein wieder,
und des Nachbars Katz ließ die Erinnerung im Rauch
vertreiben, vertrocknete Eicheln unter meinem Feuerstrauch,
trauernd ließ die Windsbraut sich an seinem Grabe nieder.


[01.10.2001]


  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 22.03.2003    um 17:55 Uhr   


Das Telefon klingelte, und ich ging weder dran noch sah ich mich imstande, es auszuschalten. Es klingelte lange, immer im selben Takt. Ein, zwei, dreimal, viermal Piepsen - dann eine Pause, drei Minuten. Dann schellte es erneut. Ich brachte es nicht über mich, die Stimme vom Band zu hören, die mir sagte, daß ich eine neue Nachricht empfangen hatte. Ich wollte nicht wissen, wer es war. Ich wollte nicht zurückrufen, wollte nicht erfahren, worum es ging. Ich wollte nicht diese Frage hören, wie es mir geht. Ich war der einsamste Mensch auf Erden.

Gewiß hätte mir ein Gespräch gut getan - aber das tat es nicht. Ich bekam allmählich Kopfschmerzen vom Klingeln des Telefons. Ich schaltete es nicht aus. Es war das einzige, das mich daran erinnerte, daß irgendwann, irgendwo, irgendwer an mich gedacht hatte.



Geändert am 22.03.2003 um 18:02 Uhr von Engelsfall
  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 22.03.2003    um 19:04 Uhr   


Liebe Grüße, Dein Spiegel

leg die arbeit nieder, die du halb begonnen hattest.
nicht einmal ganz begonnen hast du. leg sie hin.
du brauchst sie nicht, sie braucht dich nicht, laß sie sein.
zieh alle stecker aus den dosen, du brauchst sie nicht.
du brauchst keinen fernseher, der dir stimmen ersetzt,
die du nicht hörst, weil niemand da ist der spricht.
du brauchst keine lampen, die dein gesicht erhellen,
weil niemand da ist, der es betrachten möchte.
du brauchst nichts warmes zu essen, brot genügt.
leg die arbeit nieder, was quälst du dich damit,
du vollendest sie doch nicht, sie ist zu schwer für dich
weil niemand bei dir ist, der dir zeigt wie es geht.
sie nehmen doch alle die arbeit, die du nicht schaffst,
an sich, um zu sehen, daß sie es schaffen, und du?
schalte das telefon aus. du brauchst keine anrufe,
da du die gesprächspartner doch nur vermissen wirst,
wenn ihr dann auflegt, und das klingeln tut dir weh.
schalte die türklingel aus. dich besucht ohnehin
niemand, wozu die hoffnung daß jemand kommt?
laß auch ruhig das beten, gewiß sieht allah doch noch,
daß du es tust, nur bedeutet es etwas, so wie du bist?
und nun leg dich nieder. du brauchst keine decken
und du brauchst auch kein bett, der boden genügt.
ach, laß doch das weinen, es macht dich innerlich taub,
und dann kannst du nicht mehr so tun als wärst du es
nicht schon lange, oder immer gewesen, und hast nicht
du dich vor allen andern vergessen? jetzt leg dich hin
und schließ deine augen. die rolläden sind bereits zu.
und so bleibst du liegen, bis du alles vergessen hast
und bis die welt dich vergessen hat, auch wenn sie
dann noch dein grab und so... ach. wie müßig weiter
zu denken. du brauchst keine gedanken, hör damit auf.
du brauchst keine gedanken und du brauchst kein grab.
es ist so gemein, hast du gesagt. es ist es trotzdem,
hast du gesagt. ich bin selbst schuld, hast du gesagt.
ich wußte nicht, daß du so weit fort von mir bist.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 22.03.2003    um 19:37 Uhr   


es geht schon

es geht mir (nicht) gut.
es geht immer weiter,
jenseits von freude
und jenseits von wut.

es geht mir (nicht) gut.
es geht irgendwie schon,
jenseits von schmerzen
und jenseits von blut.

es geht mir nicht (gut)
es geht ab und an noch
manchmal voran
bis mein krug zerbricht.

hab mich vergessen, vergaß meinen sinn
und ohne erinnern ist dieser dahin
und ohne erinnern vergehe ich nicht
so bleibe ich weiter so traurig ich bin.

es geht (mir) nicht gut.
gebrechliche welt
und völlig entstellt
und ganz ohne mut.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Gast_Höllenstern
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.08.2002
Anzahl Nachrichten: 139

geschrieben am: 23.03.2003    um 23:01 Uhr   


krone aus eisen

krone aus eisen, wie wiegt sie schwer.
es gibt nichts anderes als die krone mehr
es ist als sei alles so schwer wie blei
als ob es in wahrheit nicht eisen nur sei.

krone aus eisen, so schneidend kalt.
es gibt nichts anderes mehr einen halt
es ist als sei alles mit dir erfrorn
was nicht aus kälte und eisen geborn.

krone aus eisen, mit blutigem duft
es gibt nichts anderes mehr in der luft
es ist als sei alles stumm, blind und taub
es ist als sei alles nur wertloser raub

krone aus eisen, sternenbewehrt
es ist nichts anderes übrig von wert
es ist als sei mir die welt einerlei
seid ihr nur bei mir, ihr sternendrei

krone aus eisen, wie tust du mir weh.
es ist mir gleich, solang ich noch steh,
denn ich spotte deiner, ich bin dein grab
nur ich trage sterne als königsstab


[in anlehnung an das "silmarillion" von j.r.r. tolkien. morgoth in gedanken über die eisenkrone, geschmückt von den silmaril, die ihn schmerzen und von denen er nicht lassen kann]



Geändert am 12.05.2003 um 03:33 Uhr von Höllenstern
  Top
"Autor"  
Nutzer: Friedhofsgeiger
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 08.09.2002
Anzahl Nachrichten: 208

geschrieben am: 13.04.2003    um 12:33 Uhr   
hab ich schonmal gesagt, dass ich deine Gedichte liebe?

Silmarillion habe ich nicht gelesen, aber das Gedicht ist... wow...
  Top
"Autor"  
Nutzer: Windir
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 07.04.2002
Anzahl Nachrichten: 224

geschrieben am: 25.04.2003    um 01:07 Uhr   
sei mir von ganzem herzen gegrüsst!

als erstes entschuldige uch mich für die gammatik, falls sie fehler aufweisen sollte. der alkohol hat mir in einer sehr berauschenden weise zugesetzt, deshalb kann es sein, dass einige worte vielleicht ein wenig von ihrem ursprung abweichen.
ich frage...nein...ich bitte um einen großen gefallen...und zwar: kannst du mir alle deine werke...alles an gedichten, stücken, romanen und erzählungen nach und nach, nicht auf einmal, zukommen lassen? ich würde sie gerne in einem einzigartigen und privaten almanach der gräfischen dichtkunst sammeln und mich sooft es geht daran erfreuen und mich zum denken über einige dinge anregen lassen?!
falls du es für richtig hälst und du mir diesen gefallen tun würdest, wäre ich dir sehr dankbar.
alles liebe und gute...

windir
  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 25.04.2003    um 12:09 Uhr   

*lacht leise*

das ist ein sehr schönes kompliment. schön übrigens, wieder einmal von dir zu hören.

ich möchte zu deiner frage sagen, daß ich selbst gar keinen überblick über all das habe, was ich geschrieben habe - viel ist begonnen und unvollendet.

sprich also, wenn ich dir die dinge zukommen lasse, dann werde ich sie vermutlich selbst erst einmal erfassen und zusammenstellen, somit hab geduld, auch wenn das "nach und nach" noch langsamer erfolgt als gedacht.

ansonsten möchte ich den wunsch sehr gerne erfüllen. ich schreibe zu großen teilen nur für mich, habe aber auch den wunsch, das wortwerk zu teilen, und wenn es dir gefällt, dann sehe ich keinen anlaß dazu, dem nicht zu entsprechen.

usprünglich wollte ich hier alles zusammentragen, was für die öffentlichkeit freigegeben ist, aber da bei mir eine inzwischen nur noch eingeschränkte, aber immer noch gültige, cw-sperre mit unabsehbarer dauer herrscht, schreibe ich dies in diesem forum nur, weil ich deinen lieben beitrag nicht unbeantwortet lassen möchte.

liebe grüße und ebene pfade

engelsfall/höllenstern

  Top
"Autor"  
Nutzer: Gast_Höllenstern
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.08.2002
Anzahl Nachrichten: 139

geschrieben am: 12.05.2003    um 03:35 Uhr   


Wie es war

Meister, tanz mit Spinnenfäden
ziehts den Sinn mir ewig fort
möcht doch finden, möchte leben,
so träumerisch mein Zauberhort..

Meister, nichts ist, wies gewesen:
selbst die Elben zogen aus
Wünschelrute, Hexenbesen,
verfallen ist das Hohe Haus.

Meister, führe hin zum Lichte
sternenhell die Vogelschar
noch dämmernde Geschichte
denn nichts ist mehr so, wie es war.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 13.05.2003    um 06:39 Uhr   


Spielzeugwelten

Will noch hoffen, will vertraun
will mit Legosteinen Welten baun
erinner mich dran, wie es war,
der Bettler sprach so oft zum Zar
doch hat der Zar je zugehört
hat mit Zinnsoldatenheer zerstört
hat Flammen aus Papier gelegt
hat Königreiche umgeweht,
schoß mit Spatzen auf Kanonen
hatte es im Herzen wohnen
alles sollte anders sein
alles sollte anders sein.

Will noch hoffen, will vertraun,
will in Seifenblasen Zukunft schaun
erinner mich dran, wie es war,
so atemlos und wunderbar
Geschichten gab es tausendfach
wenn man mit dem Herzen sprach
was getan ist, ist getan,
papierner Flammen Hexenwahn,
Welten hab ich fallen sehn:
von Kindertagen dies geschehn,
alles sollte anders sein
alles sollte anders sein.

Will noch hoffen, will vertraun,
will den erzwahrhaften Traum
erinner mich dran, wie es war,
für mich blieb es immer wahr,
Welten hab ich brechen sehn,
Geschichten schrieb ich, so gesehn
wurd immer wieder auch zerstört
blieben Spielzeugschreie ungehört,
frag mich noch nicht zu Gericht
wenn auch diese Welt zerbricht,
alles sollte anders sein
alles sollte anders sein.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 13.05.2003    um 07:07 Uhr   


vater unser

vater unser im himmel
geheiligt werde dein name
dein reich komme
dein wille geschehe
wie im himmel so auf erden.

vater, welch ein gewimmel
in deinem heiligen namen
dein reich komme
dein wille geschehe
wie wird das nur werden.

vater, brockender schimmel
scheingeheiligt dein name
dein reich komme
dein wille geschehe
taubstummengebärden

vater, segne die waffen
wir meinen es gut.
wir werden nichts raffen
und das bißchen blut
wir nehmens nicht
leicht hin, das ist gewiß
das jüngste gericht
vom gewissen ein biß

vater unser im himmel
und wir auf der erde.
heilig führt uns dein name
wir bringen dein reich
und deinen willen
wie im himmel mit bombern
so auf erden mit panzern
dein wille muß sein
daß wir sind wie wir sind
aus knochen und bein
und taubstumm und blind
bei allen sinnen
antworten, fragen,
begehren gerinnen
und wertlosem wert:
wir haben jesus nicht ans kreuz geschlagen.
sondern an ein schwert.

  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 14.05.2003    um 21:14 Uhr   


Die weiße Frau

Es kam zum Abend und dann fiel die Nacht
es wurde der Wagen hervor gebracht
die Rösser schirrte man an nur mit Not
die Augen rollend und Nüstern blutrot
im Schweiß stand das Fell, die Muskeln gespannt
vergeblich die Ruhe des Stallburschen Hand
denn grausig schrie da die Herrin im Haus
in Decken gewunden trug man sie heraus
und darinnen glomm ein jedwedes Licht
doch nein, das bannte die Dunkelheit nicht,
sie klebte in Ecken und Ritzen wie Teer
und machte das Atmen fürchterlich schwer
den Mägden malte der Kerzenschein
das Antlitz des Teufels ins Feuer hinein.
Brot auf dem Esstisch unangetastet
Früchte und Wein mit Sünde belastet
da stand auch der Herr, aschfahl im Gesicht
starr wie die Eiche vorm Sturm, die er bricht,
hielt eine Hand in die andre gefügt
als habe er diese der Schandtat gerügt,
erloschener Zorn, erkaltet sein Blick
der Wagen zog an, es gab kein zurück.
Und der Kutscher trieb die Pferde zur Hast
der Knecht hielt in Armen die halbtote Last
der Wagen sprang holpernd über den Weg
die Fahrt schonte weder Tier noch Gerät
Greuel und Furcht war in die Mannen gesät,
in ihnen schrie es: ists nicht schon zu spät?
Unheilvoll klingende Waldkauzrufe
erschöpftes Schnauben, funkschlagende Hufe
klamm griffen niedrige Zweige nach ihnen
wie um der unselgen Ahnung zu dienen
welche mit Kälte die Seelen beschlich
während das Leben der Herrin entwich.
Sie schliffen die Kutsche quer durch die Stadt
da brach mit dem Bersten der Speiche das Rad
es war als lachte sie Beelzebub aus
Knirschen lud ein zum Leichenfestschmaus
obwohl die Dame noch gar nicht entrückt,
so sehr war das Düstre von ihr entzückt.
Verzweifelt ergriffen von Fahrer und Knecht
verbrachten sie weiter mehr schlecht als recht
die Herrin zum Hause der Hoffnung heran
und ob durch das Schleifen Gesundheit gewann:
es genügt zu sagen, des Arztes Mägde
erschraken so heftig, daß keine sich regte,
bis dieser nach kurzem selbst danach sah
was draußen vor seiner Türe geschah.
Bleich geworden hieß er sie hinein
und er wußte, er lud auch das Böse mit ein,
Barmherzigkeit hatte man ihn doch gelehrt
so nur man den Griff zum Beutel nicht wehrt
doch jetzt galt Eile, und er mühte sich wohl
doch all sein Arzttum wirkte nur hohl,
es heißt, die Herrin habe gewußt
man liebte sie nicht, es war nur die Lust,
nur der Reichtum, ihr Leib und ihr Geld,
so wars um Gatten und Arzt bestellt.
Der Morgen kam, doch sie blieb im gestern,
begraben haben sie einzig die Schwestern,
niemand sonst kam, sie zu beweinen,
was hätt es auch Sinn noch um sie zu greinen:
so sprach der hartherzge Ehemann
während er immer um Schuldigkeit sann.
Später sagte man leis in der Stadt
daß der Mann sie geschlagen oft hat,
und mehr noch als dies schlug er sie tot
sie hatte im Leben nur Kummer und Not.
Und manchmal glaubte man sie noch zu sehn
einsam und hell am Wegesrand stehn
es hieß, das Leiden ließ sie nicht in Fried,
selbst da nicht, da sie schon verschied.
Auf ihrem Grabstein aber stand eingeschlagen,
es blieb dem Gatten nur liebendes Zagen
womöglich hielt es sie deshalb nicht dort,
die letzte Lüge an ihr trieb sie hinfort.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Gast_BlueLama
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 31.12.2000
Anzahl Nachrichten: 2767

geschrieben am: 14.05.2003    um 22:08 Uhr   
Es bereitet mir Freude hier zu lesen. Mein Favorit ist bisher das Gedicht "Der Feuerstrauch" :-))

Manchmal denke ich mir so, man müsste eigens ein besonderes Lobvokabular für Deine kleinen lyrischen Perlen bereithalten. ;)

Lama
  Top
"Autor"  
Nutzer: Coralay
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.12.2002
Anzahl Nachrichten: 2

geschrieben am: 14.05.2003    um 22:54 Uhr   
Hier versteckst du also dein Licht vor mir, Wegbegleiterin.

Da habe ich es nicht gesehen, weil ich dacht, es sei die Sonne..

Licht auf deinem Weg, das aus deiner Seele strahlt.
Cora
  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 15.05.2003    um 05:48 Uhr   

*lacht leise*

schön, wenn es gefällt, vielen dank für das schöne lob, lama. wobei ich so unbescheiden bin, dahin kommen zu wollen, daß man einmal die worte nicht mehr findet, wenn man meine gedichte loben will *zwinkert*

und du, cora, ich war ja nicht versteckt. ich habe nur einen neuen abschnitt begonnen. jetzt weißt du, wo ich bin, und ich hoffe wir begegnen uns oft und immer wieder.

liebe grüße an die freunde und leser

engel


Geändert am 15.05.2003 um 05:49 Uhr von Engelsfall
  Top