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geschrieben am: 21.10.2002 um 14:52 Uhr
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Vor 10 Jahren, im Juli 1992, wurde Tim Titsworth verhaftet, nachdem ihm zur Last gelegt wurde, dass er kurz zuvor unter schwerem Drogeneinfluss seine Freundin Christine Marie Sossaman im Affekt getötet hatte.
Tims Werdegang bis zu diesem Zeitpunkt ist die Geschichte eines verzweifelten Kindes. Der Vater beging Selbstmord, nachdem er die Stiefmutter getötet hatte. Tim war damals vier Jahre alt. Der neue Freund der Mutter schlug Frau und Stiefkinder, die Mutter selbst war Alkoholikerin. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte Tim in Bars und Autos, denn. die Familie zog von einem Ort zum anderen. Die Mutter hatte sich schließlich von dem gewalttätigen Stiefvater getrennt. Es gab für Tim kaum Möglichkeit, ein Fundament aufzubauen oder psychische Stabilität zu entwickeln.
Durch das Nomadenleben und die ständige Angst, der Stiefvater könnte die Familie finden, bestand keine Chance für ihn, Freundschaften zu knüpfen oder Schulabschlüsse zu erwerben. Bereits mit elf Jahren begann er, sich mit Drogen zu betäuben. Da die Mutter zu sehr mit ihren eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt war, konnte sie ihrem Sohn nicht geben, was der Heranwachsende brauchte. Tim rutschte von Tag zu Tag tiefer in die Drogenwelt und Beschaffungskriminalität ab. Dabei suchte er verzweifelt nach dem Sinn des Lebens, den er allerdings nie finden konnte.
Als Tim mit 20 Jahren die Beziehung zu Christina begann, empfand er das erste Mal so etwas wie Geborgenheit in seinem Leben. Diese Beziehung war sehr intensiv. Tim liebte sie wirklich, doch auf Grund der vielen eigenen Defizite war er nicht in der Lage, dieser Beziehung Stabilität und Bestand zu geben. Hinzu kam, dass auch Christina Probleme mit Alkohol hatte. Als die beiden immer öfter stritten und Tim das erste Mal auszog, suchte er wieder Trost in Drogen zu finden. Tim war nun ganz unten angekommen. Er pumpte so ziemlich alle Mittel in sich hinein, die betäuben konnten.
An jenem verhängnisvollen Abend, stand Tim wieder unter Drogen. Als er seine Sachen aus Tinas Wohnung holen wollte und sie dies nicht zuließ, kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung. Im Zuge dieses Streites erschlug Tim seine Freundin. An den Tathergang erinnert er sich nicht mehr, nur an das Erwachen kurz danach und an das Blut um ihn herum. Völlig verwirrt in seinem Drogenrausch verließ er den Tatort. Er nahme ihre Kreditkarten mit und auch ihr Auto, er brauchte nun neue Drogen, um das Unfassbare zu verdrängen.
Drogen sind keine Entschuldigung für solch eine Tat und sie rechtfertigen nichts. Dennoch sollte der Drogeneinfluss eine Rolle spielen, wenn es um einen 20-Jährigen geht, dessen Lebensumstände alles andere als förderlich waren. , Tim war bis zu diesem Zeitpunkt nie gewalttätig gewesen und stand zur Tatzeitkomplett unter Drogen, so dass er keinesfalls als voll zurechnungsfähig gelten kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist das Todesurteil in seiner Grausamkeit mit der Grausamkeit der Tat zu vergleichen.
Nach seiner Verhaftung und während des ersten Verhörs musste man Tim mehrfach „wecken“, weil er immer wieder einschlief und beinahe vom Stuhl fiel. Bei allen Aussagen, die man aus ihm „herauspresste“, benutzte er das Wort „Wir“, für ihn lebte seine Freundin noch. Tim war nicht einmal in der Lage war, seinen Namen zu nennen, das freilich wurde nie vor Gericht erwähnt. Beinahe wäre Tim ohne anwaltliche Vertretung gewesen, als es im November 1993 zum Prozess kam, denn sein damaliger Anwalt hatte sein Mandat längst niedergelegt, ohne dass Tim davon wusste. Erst ein paar Wochen vor Beginn des Prozesses stellte der Richter fest, dass Tim keinen Verteidiger an seiner Seite hatte. Der neue Verteidiger, der auf die Schnelle bestellt wurde, hatte so kurz vor dem Prozess überhaupt keine Chance, Tims Leben darzustellen und eventuell mildernde Umstände geltend zu machen. Das Verfahren war dann dementsprechend kurz und bündig. Das Todesurteil war nur noch eine logische Folgerung.
Tim hat ohne Zweifel eine Straftat begangen und eine angemessene Strafe verdient. Der Drogenkonsum mag eine Erklärung für sein Handeln sein, ist aber keine Entschuldigung dafür. Seit nunmehr fast 10 Jahren verbüßt Tim seine Strafe in Texas, Polunsky Unit und wartet auf seine Hinrichtung. Immer den Tod vor Augen, hat ihn der Staat nicht nur zum Tode, sondern auch zu lebenslanger Haft unter erschwerten Bedingungen verurteilt. Für Tim bedeutet das, täglich 23 Stunden Isolationshaft
Wer auch immer sich die Mühe macht, dies zu lesen, muß sich fragen, wie klar Opfer und Täter zu benennen sind und ob "Schuld" wirklich so einfach beurteilt werden kann.
Celestine
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