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geschrieben am: 31.01.2003 um 20:41 Uhr
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Warum ich nicht mehr male, willst Du wissen? Sieh Dir doch dies Bild an - es ist mein bestes. Lange habe ich daran verbessert, bis es das zeigte, was ich zeigen wollte. Und es zeigts! Doch keiner will die Geschichte sehen, die das Bild erzählt. Die Leute hier im Dorf haben ihre eigene Geschichte - und die sehen sie. Auch in meinem Bild. Und ich? Kann gar nichts dagegen tun.
Du? Du willst meine Geschichte hören? Glaub mir, sie ist nicht wichtig. Es ist nicht wichtig, ob ich noch male. Vielleicht ist Freundschaft wichtig. Wenn Du also eine Geschichte hören willst, dann werde ich Dir eine über Freundschaft erzählen.
Manchmal, wenn die Nacht so nächtlich geworden ist, dass die Sterne fast den Mond überstrahlen, wenn unsere Felder friedlich schlafen und auch der Nachtwächter sich zur Ruhe begab, weil keiner mehr wach ist, der hören will, was die Uhr geschlagen, setze ich mich ans Ufer. Ganz dicht beim alten Leuchtturm. Und wenn er gute Laune hat, erzählt er mir Geschichten. Du glaubst mir nicht? Dann hast Du sicher noch nicht Deine Hand in die Drachenspalte des Leuchtturms gelegt, während sein Licht Runde um Runde drehte, die Wellen ans Ufer schlugen und vom Walde her der Ruf des... Ich greife vor. Warte noch ein wenig, dann wirst Du wissen, ob ich mir die Geschichte ausdachte oder sie erzählt bekam. Und wer weiß, vielleicht kannst Du am Ende sogar glauben, dass auch Leuchttürme einiges zu erzählen haben.
Seit ich denken kann, gab es hier im Dorf zwei Sehenswürdigkeiten. Das heißt, eigentlich nur eine: den Leuchtturm. Die andere? Nicht viel mehr als eine Sage. Oder sollte ich besser sagen: ein Höre? Denn hören konnte man diese andere Sehenswürdigkeit oft. Vor allem nachts. Schon als kleiner Junge wurde ich manchmal wach von einer Stimme, die anders klang, als alles, was wir kennen. Und, weißt Du, diese Stimme schien mit mir älter zu werden. Die alten Leute im Dorf, die die Stimme hörten -jeder hörte sie!- meinten, nach all den Jahren sei nun endlich wieder ein Drache im Wald. Niemand aus dem Dorfe widersprach ihnen. Wozu auch? Keiner hatte eine bessere Erklärung. Natürlich hatten wir alle ein wenig Angst, doch glaubten wir uns auch geschützt. Ein Drache im Wald! Welche Gefahr würde sich bis zu uns wagen... Ich wurde älter und lernte malen. Blumen auf dem Felde, Sperber in der Luft und immer wieder den Leuchtturm. Leuchtturm bei Nacht, Leuchtturm im Herbst, Leuchtturm bei Ebbe. Den Drachen bekam ich nie zu Gesicht, doch hörte ich ihn rufen, viele Nächte. Und seine Stimme wurde kräftiger mit jedem Mal. Er schien erwachsen zu werden, so wie ich. Manchmal versuchte ich mir ihn vorzustellen, ein-zweimal auch ihn zu zeichnen. Die Bilder missglückten. Eine Schlange hätte drauf zu sehen sein können, oder ein Saurier, doch einen Drachen erkannte man nie. Und dann kam diese eine Nacht. Schon am Tage zuvor kündigte sich das Unheil an, doch keiner sah -oder wollte es nur keiner sehen?-, dass die Ebbe ausblieb. Natürlich blieb sie nicht wirklich aus. Jedoch der Sturm, der die Wogen vorwärts trieb, war so mächtig, daß viele Brecher noch hinter die Flutlinie kamen. Der Abend brach schnell herein, der Himmel verfinsterte sich mit einem Male, die Flut -die richtige Flut- kam näher. Keiner aus unserem Dorf traute sich aus seiner Kate. Sehr früh versteckten wir uns alle in unseren warmen Betten. Dort konnte uns dieser Sturm -so hofften wir- nichts anhaben. Er heulte die ganze Nacht. Er kämpfte um jedes Haus, um jedes Dach. Und verschwand. Als die Sonne aufging hätte niemand diesen Sturm auch nur für möglich gehalten. Ja, es gab keine Spuren seiner verheerenden Macht im Dorfe. Nur unser Turm lag geknickt am Strand. Und ringsum nie gesehene Spuren. Sehr schnell -ich weiß nicht, wer als Erster davon anfing- war eine Erklärung zur Hand. Der Drache des Waldes war im Schutz des Sturmes gekommen, um den Leuchtturm zu zerstören, der ihn mit seinem Leuchten störte. Wir alle glaubten diese Geschichte. Wir bauten den Turm wieder auf und einige von uns zogen hin und wieder auf Drachenjagd in den Wald. Ich malte weiter meine Bilder und wenn ich nachts nicht schlafen konnte, saß ich am Strand. Beim Leuchtturm. Eines Nachts -wir waren inzwischen sehr vertraut miteinander- erzählte er mir die Geschichte der Sturmnacht:
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Das Sterben der Seele
beginnt nicht mit dem Verlust des
Lebens, sondern mit dem Fehlen von Liebe!
Hundert Tränen gehen den Weg der Traurigkeit bevor das Wasser der Gefühle wieder klar wird
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