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geschrieben am: 24.05.2003 um 23:16 Uhr
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Die Begegnung mit meinen gefangenen Artgenossen hatte mich verändert. Meine Unbekümmertheit war dahin. Misstrauisch und ängstlich setzte ich meine Wanderung fort. Nur im Schutz der Dunkelheit wagte ich mich in die Nähe menschlicher Behausungen. Die Tage verbrachte ich dösend, doch immer fluchtbereit, in notdürftigen Verstecken. Einmal sogar in einem verfallenen Menschenhaus. Nicht selten hörte ich Menschenstimmen und sah von Hunden bewachte Schafherden vorüberziehen. So quälend langsam, dass ich ihnen am liebsten Beine gemacht hätte. Zum Glück hatte ich von den Hütehunden nichts zu befürchten. Sie entfernen sich nicht von den Schafen und verrichten gewissenhaft die Arbeit, die ihnen zugewiesen wurde. Manch einer, der meine Spur kreuzte und meine Witterung in die Nase bekam, hob den Kopf, prüfte den Wind und entblößte knurrend die Zähne. Er wäre mir liebend gern auf den Pelz gerückt, aber sein Pflichtgefühl hielt ihn davon ab. Die Schäfer haben nie gemerkt, dass ich ganz in ihrer Nähe war. Wie sollten sie auch? Ihre Augen sind schlecht, ihre Nase stumpf und ihre Ohren taub.
Wahrscheinlich wissen sie gar nicht mehr was das ist: ein freier Wolf. Wir kommen ihnen erst wieder in den Sinn, wenn sie ein Schaf vermissen. Doch an Schafen, das schwöre ich, habe ich mich nie vergriffen! Obwohl es keine Kunst gewesen wäre. Besonders nachts, wenn sie eng gedrängt auf der Weide stehen, die angebundenen Hütehunde sich die Seele aus dem Leib bellen, während die Zweibeiner in ihren Häusern ruhig schlafen. Es soll Kläffer-Banden geben, die im Schutz der Dunkelheit durch die Lande ziehen und sich einen Spaß daraus machen, Terror, Mord und Totschlag zu verbreiten. Abartig! Damit will ich nichts zu tun haben. Vom platten Land hatte ich die Nase gestrichen voll, und ich war heilfroh, als ich endlich eine bewaldete Gegend erreichte. Ausgedehnte Wälder mit Gestrüpp und Gesträuch und kleinen Lichtungen, das ist es, was mir zusagt. Hier kann ich mich verbergen, ruhen, schlafen, meine Nahrung suchen und nach Lust und Laune umherstreifen. Kurz, all das tun, was ein Wolfsleben lenbenswert macht. Bisher hatte ich mit Mühe und viel Glück überlebt, jetzt wollte ich leben. Nicht leben wie ein Hund. Leben wie ein Wolf!
Meine Laune besserte sich. Ich hätte aus vollem Halse singen können. Aber so unvorsichtig war ich natürlich nicht. Es ist nicht gut, wenn ein einsamer Wolf aller Welt verrät, wo er steckt. Also verhielt ich mich ruhig und verbarg mich, bis der volle Mond den Wald zum Leben erweckte. Und was für ein Leben! Unglaublich, was da plötzlich alles auf den Beinen war: Mäuse, Igel, Marder, Füchse, ein Dachs, Rehe, eine ganze Wildschweinfamilie und sogar Hirsche. Hirsche! Den letzten bin ich in meiner Heimat begegnet. Welch sonderbarer Wald, grübelte ich, wo so viele Tierarten offenbar in Frieden leben und auch noch satt werden. Erst als das Getrippel und Getrappel nachließ, wagte ich mich aus meinem Versteck. Vorsichtig und jedes Geräusch vermeidend, folgte ich den großen Huftieren. Nein, nein, ich hatte nicht vor sie zu jagen. So vermessen war ich nicht. Alleine bestand nicht die geringste Chance, das wusste ich nur zu genau. Ich bin einfach von Natur aus neugierig.
Mit tiefer Nase sog ich ihre Witterung ein und hatte plötzlich einen ganz anderen Geruch in der Nase: Mensch! Groß, stark, männlich! Welch eine Enttäuschung. Es scheint kein Fleckchen Erde mehr zu geben, wo er nicht seine Spuren hinterlassen hat. Während ich noch rätselte, was ein Zweibeiner in dieser Wildnis zu suchen hat, umwehte mich ein anderer, äußerst reizvoller Duft. Fleisch! Nicht mehr ganz frisch, daher besonders begehrenswert.
Hunger, Hunger, Hunger! Es meldete sich wieder, dieses quälende Gefühl, das alles aus dem Kopf fegt, bis er so leer ist wie der Magen. Meine Gier war grenzenlos. Ich konnte gar nicht anders, ich musste dem Geruch folgen. Ein kurzer Trab, dann gingen mir die Augen über. Da erhob sich am Rande einer Lichtung ein Fleischberg, so mächtig, dass ein ganzes Rudel Wölfe davon satt geworden wäre. Ich nahm gerade noch wahr, dass schon Füchse und Wildschweine ihre Spuren hinterlassen hatten, dann bediente ich mich. Ich aß ohne Manieren, ja, ich fraß! Ich riss, ich schabte, ich kaute, ich schluckte, ich schlang. Wie gut das tat! Herrlich! |
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