Auf den Beitrag: (ID: 19910) sind "292" Antworten eingegangen (Gelesen: 79695 Mal).
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 22.12.2002    um 16:35 Uhr   


Geändert am 11.01.2003 um 18:46 Uhr von Smaragdwoelfin
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:30 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:38 Uhr   
Eine kurze Geschichte der Lüge, oder: Die Entstehung der Märchen vom "großen, bösen Wolf"

Die "Feindschaft" zwischen Mensch & Wolf gibt es entwicklungsmäßig gesehen erst seit kürzester Zeit. Über 90% seiner Existenz lebte ja auch der Mensch in kleinen Gruppen wild in der freien Natur, jagte dieselben Beutearten wie der Wolf. Es war fast immer genug für beide da und zu Konfontrationen dürfte es kaum gekommen sein. Im Gegenteil: Irgentwann schlossen sich Wölfe & Menschen zusammen; der Anfang unserer heutigen Hunde. Doch dann änderte der Mensch seine natürliche Lebensweise, während der Wolf seiner Natur treu blieb.


Bild: Wölfe als "Actioneinlage" im über 100 Jahre alten Steinzeit-Roman "Rulaman" von David Friedrich Weinland.

Irgentwann vor 15000 bis 12000 Jahren begannen die Menschen mit Ackerbau & Viehzucht und zu dieser Zeit begann wohl auch die Verfolgung der Wölfe. Die Menschen zogen nicht mehr in kleinen Stämmen als Jäger frei durch die Wildnis, sondern änderten ihre Lebensweise, begannen die Tiere, die sie vorher gejagt hatten, zu zähmen und als "Lebend-Fleischvorrat" zu halten. Neben dem Fleisch konnte auch Milch, Eier, Fell usw. nun immer direkt genutzt werden. Die Stämme brauchten dem Wild nicht mehr zu folgen und wurden Seßhaft. Vorher war ein Tier erst "Eigentum" eines Menschen, wenn er es gejagt, überwältigt und getötet hatte.

Doch nun erhoben die Bauern "Eigentum" auf noch lebende Tiere. Ein Wolf kann natürlich nicht zwischen einem wilden Tier und einem Nutztier der Menschen unterscheiden. Begriffe wie "Eigentum" existieren in der Natur nicht, sondern sind eine abstrakte Erfindung der Menschen. Für einen hungrigen Wolf ist ein Schaf nur eine leichte Beute. Also begannen die Wölfe -besonders in harten Zeiten- sich an den Tieren der Bauern zu verköstigen und der Hass & die Verfolgung begann. Für viele Kleinbauern der Vergangenheit konnte der Verlust einer Kuh, eines Schweins oder einer Ziege das Ende bedeuten, besonders im Winter war die Kleinfamilie auf jedes Nutzvieh angewiesen. Wenn also die Wölfe ein Kalb erlegten, konnte eine kleine Familie in ernsthafte Überlebensschwierigkeiten gelangen und die Bauern versuchten mit allen Mitteln wie Schlingen, Fallgruben, Schußwaffen usw. die Umgebung ihrer Weiden und Ställe "Wolfsfrei" zu halten.
Auch die Herrschenden sahen durch die Verluste der Bauern ihre Steuereinnahmen gefährdet und forcierten die Vernichtung der Wölfe mit allen Mitteln. Ausserdem hatten nur die Adligen das Jagdrecht in den Wäldern, und wollten den "Konkurrenten Wolf" auch deswegen ausschalten.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:40 Uhr   
Eine der berühmtesten Legenden vom "blutrünstigen Wolf" ist wohl die Geschichte der "Bestie von Gévaudan", die von 1764 bis 1767 in Frankreich gewütet haben soll und die - je nach Quelle- 180 bis 1000 Menschen getötet haben soll. In einigen Publikationen ist sogar von zwei Bestien die Rede. Eine alte Originalzeichnung aus jener Zeit spricht sogar von angeblich 2700 Opfern.
Rätselhaft bleiben auch die Beschreibungen der Bestie: Sie soll "gross wie ein Kalb" gewesen sein, mit "breitem Kopf und spitzer Windhundschnauze.". Ihr Fell soll "rötlich mit schwarzen Streifen gewesen sein, die Brust breit und die Hinterbeine länger als die Vorderbeine."
König Ludwig XV setzte 6000 Livres auf den Kopf der Bestie aus, und die berühmtesten Wolfsjäger wurden auf sie angesetzt. Obwohl die Beschreibung kaum auf einen Wolf passte, wurden diese als die "üblichen Verdächtigen" angesehen. Niemand weiss genau, wieviele Wölfe diesem "Progrom" zum Opfer fielen. Aber nachdem 2 besonders grosse Wölfe erlegt worden waren, hörte der Spuk auf und man war überzeugt, das Monster erwischt zu haben.


Bildquelle: Buch: "Der Wolf: Verhalten, Ökologie und Mythos" von Erik Ziemen. Knesebeck GmbH & Co. Verlags KG, München

Durch Ackerbau & Viehzucht hatte sich der Mensch praktisch selbst aus dem "Kreislauf der Natur" herausgenommen und verbreitete sich immer mehr, drängte die Wölfe zurück, rodete Wälder und vertrieb das Wild. Die Wölfe mußten sich zum Überleben nun schon fast zwangsläufig an das Vieh der Menschen halten. Der Hass wuchs, und, wie es in einer "guten" Propagandaschlacht üblich ist, werden dem "Gegner" möglichst schlimme, bestialische und teuflische Eigenschaften und Vorgehensweisen angedichtet.
Den Wolf einfach als "Viehdieb" hinzustellen, reichte nicht. Im Laufe der Jahrhunderte keimten die wildesten Gerüchte und Geschichten über die "blutrünstigen Bestien" auf. In Stichworten kann man das Hassbild vom Wolf grob zusammenfassen:


Eine feige, blutgierige Bestie, die sich nur in der Gemeinschaft stark fühlt.

Frisst mit Vorliebe kleine Kinder und alte Großmütterchen.

Ist natürlich die Inkarnation des Teufels

Tötet gerne aus reiner Mordlust


Märchen vom "großen, bösen Wolf" wie "Rotkäppchen" oder "Der Wolf und die sieben Geißlein" impften schon den Kindern das Negativbild ein und tun es leider heute noch. Die Kirche tat ihr übriges, verglich die wahren Gläubigen mit einer Herde Schafe, an deren Spitze Jesus als wohlwollender Schäfer steht.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:42 Uhr   

Bildquelle: Buch: "Der Wolf: Verhalten, Ökologie und Mythos" von Erik Ziemen. Knesebeck GmbH & Co. Verlags KG, München.

Die Ungläubigen und Sündigen im Dienste des Teufels waren die "bösen Wölfe", die den Schafen "anŽs Leder wollen..." und nur Jesus konnte die Schafe, also die wahrhaft Gläubigen, vor den Wölfen retten...(Ich erinnere mich noch, was für ein Donnerwetter von "ewiger Verdammnis" der Pastor während des Konfirmationsunterrichtes auf mich niederprasseln ließ, als ich murmelte, daß ich lieber ein Wolf als ein Schaf wäre...)
Geschichten von Werwölfen keimten auf, wurden von ernsthaften Männern für bare Münze genommen. Im Mittelalter wurden nicht nur tausende von unschuldigen Frauen als angebliche Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Auch viele Männer wurden beschuldigt "Werwölfe" zu sein und starben in den Flammen der Inquisition. Wie bei den "Hexen" reichten auch hier schon kleinste Verdächtigungen und "Hinweise", wie z.B. starke Körperbehaarung, um als "Werwolf" im Namen der Kirche hingerichtet zu werden.


Bildquelle: Märchenbuch "Westermanns Kinderbuch", Westermann-Verlag 1951, Originalzeichnung von Karl Voss.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:44 Uhr   
Selbstverständlich konnten sich auch die Vampire nicht nur in Fledermäuse, sondern auch in Wölfe verwandeln. (Die harmlosen & nützlichen Fledermäuse litten als angebliche "Boten des Satans" ebenfalls unter den Vampirgeschichten) Mit der Besiedlung Amerikas nahmen die Einwanderer ihr dunkles Wolfsbild mit in die neue Welt. Auch heute noch sind einige Sachbuch-Autoren der Meinung, daß wohl schon die Steinzeitmenschen den "Wolf seit jeher verfolgt" haben. Die Ansichten der noch heute lebenden Naturvölker über den Wolf sprechen aber eine ganz andere Sprache: Die Ureinwohner Amerikas, die Indianer, sahen Wolf als großen Pfadfinder und Lehrer. Für sie war der Wolf ein großer und kraftvoller Geist der Natur, von dem sie lernten und dessen Schutz sie erbaten. Sie bewunderten seine Familienstruktur und ihren Zusammenhalt. Zwischen den Indianern und den Wölfen gab es eine geistige Verbundenheit, die wohl auch unser Vorfahr in der Steinzeit gehabt haben mag. Wie wir wissen, teilten die Indianer das gleiche Schicksal wie die Wölfe... sie wurden als "Wilde" und "Rote Teufel" gnadenlos verfolgt und ausgerottet! Mit der Besiedlung Amerikas wurde auch hier der Wolf an den Abrund gedrängt.
Die Folgen des Hasses sind schnell erzählt. Mit allen Mitteln wurden die Wölfe bis in die 70er Jahre unseres Jahrhunderts verfolgt und getötet. Viehzüchter und auch die Regierung setzten Kopfprämien auf jeden getöteten Wolf aus.


Bildquelle: Broschüre "Wölfe in Niedersachsen?" des Niedersächsischen Landesamtes für Ökologie. 1. Auflage 1997

Ein weiterer Grund für die Dämonisierung des Wolfs waren auch die grossen Ähnlichkeiten in den Lebensweisen von Wolf und Mensch. Die Verhaltensweisen des Wolfs "erscheinen wie ein Spiegelbild der primitven Seite des Menschen" (Daniel Wood). Ein Umstand, den der "zivilisierte Mensch" nicht wahrhaben wollte.

Die Filmindustrie bot zudem nun völlig neue Möglichkeiten. Die alten Werwolfgeschichten wurden verfilmt (und werden es bis heute), steigerten Angst & Hass dem Wolf gegenüber nochmals. In Europa war der Wolf fast ausgerottet. Nur in Osteuropa und in den Karparten, in den Abruzzen und in einigen unzugänglichen Gegenden Spaniens und in einigen anderen Nischen in Europa konnte er überleben. In den USA war man noch "gründlicher" und drängte die Wölfe fast vollständig bis nach Alaska zurück. Es stand schlecht um die Wölfe. Aber Anfang der 70er Jahre begannen auch Forscher im großen Stil die alten Vorurteile und Märchen über Bord zu werfen und die Wölfe unvoreingenommen und gründlich zu erforschen... Ihre Erkenntnisse sollten das jahrhundertealte Lügengebäude vom "großen, bösen Wolf" unter Beschuss nehmen und dem Erdboden gleichmachen...!


...entnommen Amorak
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:45 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:45 Uhr   

Geändert am 24.12.2002 um 18:47 Uhr von Smaragdwoelfin
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:47 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:52 Uhr   





  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 24.12.2002    um 18:53 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 12:30 Uhr   
Der Ursprung des Werwolfglaubens
(eine etwas schönere Veranschaulichung wie ich meine...fg..Ederis)



Als Lykaon, der König der Arkadier, dem Zeus Menschenfleisch vorsetzte, verwandelte ihn der Göttervater in einen Wolf, der fortan heulend durch die Wälder zog.

Damit hatten die Götter ein Privileg, das sie bisher nur für sich selbst in Anspruch nahmen, auch den Menschen zuteil werden lassen. Aber die Fähigkeit, sich in Tiere zu verwandeln, gewährten sie nur als Druckmittel und Strafe, und an die Stelle der Götter traten bald die Priester und Zauberer, die die vielen Metamorphosen in Szene setzten. Die Verwandlung eines Menschen in ein Tier wurde von den Ägyptern als Ehre und Erhöhung empfunden, die Griechen und die nordischen Völker jedoch empfanden sie als schreckliches Mißgeschick. Je unbeliebter das Tier war, in das man verwandelt wurde, um so furchtbarer war die Strafe. So wurde der Wolf, den die Ägypter immer als hilfreichen Beschützer verehrten, in den europäischen Ländern wegen seiner Raubgier und seiner Schnelligkeit gefürchtet. Sämtliche Tierverwandlungen galten hier bereits, als sie nur die Götter praktizierten, als etwas Unreines. Diese wählten die tierische Gestalt immer, wenn es Gründe gab, ihre menschliche Gestalt lieber zu verbergen. »Im allgemeinen kann man die Metamorphosen«, schreibt Hegel in der »Ästhetik«, »als Gegenteil der ägyptischen Tieranschauung und Tierverehrung betrachten, indem sie, von der sittlichen Seite des Geistes abgesehen, wesentlich die negative Richtung gegen die Natur enthalten, das Tierische und andere unorganische Formen zu einer Gestalt der Erniedrigung des Menschlichen zu machen, so daß also, wenn bei den Ägyptern die Götter der elementarischen Natur zu Tieren erhoben und belebt werden, hier umgekehrt... die Naturgebilde als Strafe für irgendein leichteres oder schweres Vergehen und ungeheures Verbrechen auftreten, als Existenz eines Ungöttlichen, Unglückseligen und als Schmerzgestaltung, in welcher das Menschliche sich nicht mehr zu halten vermag.«




  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 12:31 Uhr   
Alle bei Ovid geschilderten Metamorphosen werden über Menschen verhängt, die sich schuldig gemacht haben: Lykaons Verwandlung ist Strafe für die Impietät gegenüber den Göttern; Prokne und ihre Schwester Philomele setzen Tereus aus Rache für die Schändung und Verstümmelung ihrer Schwester seinen Sohn als Mahl vor und werden in Schwalben verwandelt, während Tereus zum Wiedehopf wird, dem auf dem Scheitel der Federkamm aufwärts steht und der Schnabel unmäßig hervorragt. Im Buch des Propheten Daniel wird berichtet, wie der babylonische König Nebukadnezar wegen seiner Selbstgefälligkeit und mangelnden Gottesfurcht sein Reich verlor und zum tierischen Dasein verurteilt wurde: »und er ward verstoßen von den Leuten hinweg, und er aß Gras wie Ochsen, und sein Leib lag unter dem Tau des Himmels, und er ward naß, bis sein Haar wuchs so groß wie Adlersfedern und seine Nägel wie Vogelsklauen wurden.« Erst als er Gott wieder lobte und das Himmelreich pries, erhielt er seine königlichen Ehren, seine Herrlichkeit und seine menschliche Gestalt zurück. Diesseitigere Gründe hat die Verwandlung Nebukadnezars in der Erzählung »Der weiße Stier« von Voltaire, der die Bemühungen des göttlichen Sehers Mambres, der schönen Prinzessin Amaside ihren Geliebten, dem sie unbeirrt auch als Stier die Treue hält, zu retten, mit spöttischem Behagen schildert. Die Sage von der Gottlosigkeit und Wildheit des arkadischen Königs Lykaon hängt mit den Menschenopfern zusammen, die noch im 4. Jahrhundert v.Chr. auf dem Gipfel des Lykaion, des »Wolfsbergs«, dem Zeus Lykaios dargebracht wurden. Wer von dem geopferten Fleisch aß, der wurde, so glaubte man, in einen Wolf verwandelt und bekam erst zehn Jahre danach (so Pausanias in der »Beschreibung Griechenlands«, VI, 8,2) seine menschliche Gestalt zurück. An jenen Kultus knüpften sich allerlei Werwolfgeschichten an. Nach Lykaon heißen Menschen, die an dem Wahn leiden, in einen reißenden Wolf verwandelt zu sein und ihre Mitmenschen zu verschlingen, Lykanthropen. In der Lykanthropie und anderen Tiermenschvorstellungen manifestieren sich kannibalische Wunschphantasien. In der Sagenform allerdings, wie sie Ovid erzählt, schimmert die Tendenz durch, die kannibalische Lust des Zeus zu unterschlagen, das heißt, den Gott davon zu entlasten, daß auch er Menschenfleisch begehrt. Die Verwandlung ist die Strafe für kanibalisches Tun, sie bannt die Gelüste in das Bild eines Tiers, dessen Gier als seinem Wesen gemäß empfunden wird. In der »Geschichte einer infantilen Neurose« analysiert Sigmund Freud den Fall eines »Wolfmannes«, dessen Kannibalismus durch Regression von einer höheren Stufe her in der Angst vor dem Wolf zum Vorschein gekommen ist. Bei der Angst, vom Wolf gefressen zu werden, die auch in vielen Kindermärchen wie »Rotkäppchen« eine Rolle spielt, handelt es sich unbewußt um die infantile Angst, vom Vater koitiert zu werden. Der Psychoanalytiker Karl Abraham sieht deshalb in Phänomenen wie Lykanthropie und Wolfsphobie einen deutlichen Verweis auf die frühe kannibalische Entwicklungsstufe der menschlichen Libido: »Und wie gewisse psychische Produkte des gesunden und kranken Einzelwesens an jenes frühe Stadium seiner Kindheit erinnern, so bewahrt auch das Volk in Sagen und Märchen die Spuren seiner entferntesten Vergangenheit. « Plato erwähnt die Sage, die man vom Tempel des Zeus Lykaios in Arkadien erzählt, im »Staat« und verweist auf den Zusammenhang mit gesellschaftlichen Zuständen, wo »der Mensch des Menschen Wolf« ist. Mit Lykaon vergleicht er den Führer eines Volkes, der seine Volksgenossen mit ungerechten Beschuldigungen, »wie sie das nicht selten tun, vor Gericht zieht, sie umbringt und, indem er ein Menschenleben vernichtet, mit Zunge und frevelndem Munde das Blut seiner Stammesgenossen trinkt«.


...entnommen Gigapolis...

Geändert am 25.12.2002 um 12:32 Uhr von Smaragdwoelfin
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 13:01 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 13:05 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 13:18 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 13:32 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 13:35 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 13:38 Uhr   
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 14:11 Uhr   

... die größte Faszination hat der Werwolfmythos jedoch erst in der Neuzeit durch den Kinofilm erreicht ...

Die "echten" Werwölfe des Altertums und des Mittelalters wandelten sich noch vollständig in den canis lupus lupus um, da dies aber schlecht mit der nicht vorhandenen Tricktechnik darzustellen war, ging man dazu über, den Werwolf als humanoid zu zeigen - erst mit der einsetzenden Tricktechnik konnte man wieder die Verwandlung in einen Wolf zeigen...

Somit ist in der heutigen Zeit der Werwolf ein Mannwolf und nicht der Wolf der er am Anfang einmal war.

Der Mannwolf ist ein Symbol der Kraft und Macht des tierischen Erbes im Menschen - er ist ein männliches Wesen. Durch seine omnipotente Kraft ist er gleichermaßen ein Wesen mit großem Sex-Appeal, welches seinem Lusttrieb ungehemmt nachgeben kann und ebenfalls diesem Trieb aber nachgeben muß.

Er ist einesteils Gefangener seiner Art, andernteils ist er die befreite Seite im Tier namens Mensch!

Viele Menschen dürsten insgeheim danach ein Wolf oder vielleicht sogar ein Werwolf zu sein, selbst mit dem Wissen zu was sie dann beim Vollmond verdammt sind. Eventuell macht es ihnen ja sogar Spaß andere Wesen auszuweiden und mit Ihren Gedärmen lustige Spielchen zu machen. Die Blutgier steckt fast in jedem, nur geweckt werden will sie bei jedem anders. Der unbändige Jagdtrieb kann ein machtvoller und zugleich gefährlicher Verbündeter sein.

Die Transformation in den Werwolf, die unbändige Kraft, die Machtfülle die sich damit einstellt, sie ist das ultimative Geschenk an die Kreatur. Der Preis den jeder dafür zahlen muß ist hoch - für einige ist er zu hoch und sie versagen, für andere ist er zu niedrig und sie erheben sich über alle - nur wenige gehen mit der Gnade des Werwolftums weise um, zumindestens überleben sie und geben ihr Wesen und die Zukunft ihres Stammes weiter und an die nächste Generation...


Geändert am 25.12.2002 um 14:14 Uhr von Smaragdwoelfin
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 14:58 Uhr   



Das ist es, wie alles endet - Jäger wie auch Gejagter...

Feind wie auch Freund...

Mensch wie Tier - da werden keine Unterschiede gemacht...

  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 15:08 Uhr   
Mononoke Hime



In grelle Farben explodiert die Welt. Oder sie wird bedeckt von einer unförmig braunen, todbringenden Masse. Die Gefühle materialisieren sich zu einem Gewimmel aus Maden, das die Körper von Mensch und Tier übersät. Oder zu einer todbringenden Flechte aus schwärendem Schwarz, die immer größer wird, bis sie den ganzen Arm in Besitz genommen hat, und den Leib sich immer häufiger verkrampfen lässt. Mittelalterliches Japan und mythische Vorzeit bilden eine Einheit in PRINZESSIN MONONOKE. Götter in Wildschwein-, Wolfs- oder Hirschgestalt sind die mächtigen Herren dieser Welt. Sie hausen gemeinsam mit zahllosen kleinen kauzigen Baumkobolden in dunklen Wäldern, während die Menschen sich ums Überleben mühen, und in harter Arbeit der Natur ihr Teil abtrotzen. Politische Ordnung, verkörpert durch den unsichtbaren Kaiser, ist fern. Zugleich befindet sich diese Epoche schon im Übergang: Der Herrscher in seinem Palast ist in jenen Jahren selbst Spielball der Ritter. Und mehr und mehr drängt die Zivilisation die Tiergötter zurück, wird der Wald gerodet.

Durch diese Welt reist ein Todgeweihter: Ashitaka, ein junger Angehöriger eines dem Untergang geweihten Volkes. Er hätte als König regieren können, doch ein böser Eber, den er tötete, hat ihn verflucht. Die einzige Rettungschance besteht in der Wiederversöhnung mit der Natur und ihrem Herren, dem Waldgott. Zu ihm reist er, um "die Wahrheit zu sehen..."



Im Grunde ist es eine sehr universelle Märchengeschichte, die Hayao Miyazakis Film erzählt: Von dem Verhältnis von Zivilisation und Natur, ihrer Versöhnung wie Entzweiung, einen unlösbaren Konflikt handelt es sich, zugleich um einen jungen Helden, der auf zwei Frauen trifft, die so grundverschieden sind, dass er sich zwischen ihnen gar nicht entscheiden kann, um eine Geschichte voller Geheimnis, in der es um alles geht: Leben und Sterben, unerreichbares Glück, und Überleben trotz allem.

Zugleich ist das alles unverwechselbar japanisch: In seiner kaleidoskopischen Erzählweise, in seiner Vorliebe für "starke" schöne Frauen, die in die Rollen der Männer schlüpfen, deren Phantasiegeschöpf sie sind; im Bestreben, einen modernen Mythos zu erzählen, schließlich auch in seinem Ende, das eine friedliche Harmonie der Gegensätze herstellt, die keinesfalls zuckersüße Versöhnung bedeutet, zwar auch kitschig ist, aber offener und viel melancholischer, als jedes schlichte Happy End. Vor allem aber entstammt PRINZESSIN MONONOKE als Animationsmärchen, das gleichermaßen für ältere Kinder (FSK-Freigabe ab 12) und Erwachsene gedacht ist, einem Genre, das in Europa nach wie vor ein Schattendasein fristet, und fast ausschließlich auf Kinderfilme beschränkt bleibt. Japanische Manga-Comics und Anime dagegen sind eine etablierte, reife Kunstform für ein erwachsenes Publikum.

  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 25.12.2002    um 15:09 Uhr   



Wer in den 70er Jahren Kinderfernsehen geguckt hat, kam um "Heidi" nicht herum. Die Zeichentrickfolgen der Nachmittagsserie stammten aus der Feder des 1941 geborenen Miyazaki, der in seiner Heimat heute als Regiemeister auf einer Stufe mit Kurosawa oder Oshima gilt. Mit über 13 Millionen Besuchern ist MONONOKE HIME, bereits 1997 entstanden, der erfolgreichste japanische Film aller Zeiten.

Ein bisschen sehen auch hier alle Figuren aus wie damals Heidi und der Geißenpeter, und auch manches an der Geschichte erinnert an die Naivität und Schlichtheit von Kindergeschichten. Doch die Unbeschwertheit wird diesmal schnell gebrochen, und in rasanten, dabei poetischen Bildern, erzählt Miyazaki eine sehr reichhaltige, epische aber auch melancholiedurchtränkte Geschichte, die gerade vom Verlust aller kindlichen Unschuld handelt. Die interessanteste der Figuren ist dabei weder die nahezu rein positive Heldengestalt Asitakas, noch San, die als Wolfsmädchen von den Tieren aufgezogen wurde, und an deren Seite für die ökologische Reinheit des Waldes und auch militant mit blutverschmiertem Mund gegen die Menschen "da draußen" kämpft. Weitaus faszinierender ist aber die Figur der mysteriösen Eboshi Gozen. In einer Festung am Rand des Waldes hat die junge Kriegerin ein Matriarchat errichtet. Die rauchenden Schlote einer fabrikähnlichen Eisenerzschmiede, Schusswaffen und Handelsökonomie lassen Eboshis Reich als Vorstufe der industriellen Gesellschaft erscheinen. Seine Existenz und Wohlstand sind offensichtlich nur durch technologische Ausbeutung der Natur zu sichern. Zugleich formuliert der Ort durch die Aufnahme von Prostituierten und Leprakranken doch einen Gegenentwurf zur restlichen Gesellschaft.

In gewissem Sinn verkörpert diese Gestalt die gute Variante der Welt der Erwachsenen und die einzig historische Figur in einem Reich von Kindern und Geistern. "Eines Tages" träumt Eboshi, "wenn wir das Licht in den Wald lassen und die Wölfe zurücktreiben können, wird das hier ein reiches Land werden. Und das Wolfsmädchen wird wieder ein Mensch werden." Das mag für sich gesehen auch allzu schlicht wirken. Im Kontext der ökologischen Correctness der restlichen Handlung verweigert sich der Film hierdurch aber einer allzu schlichten konservativen Lesart, pluralisiert Wahrheitsansprüche, und zeigt, dass es mehr gibt, als nur eine positive Utopie: Die Unberührtheit der Natur oder den Fortschritt der technischen Zivilisation. Damit repräsentiert die Geschichte nicht nur einen Zwiespalt, mit dem die zeitgenössische japanische Gesellschaft zu kämpfen hat, sondern - seinem eigenen epischen Anspruch entsprechend - überhaupt das Dilemma des modernen Menschen.



Rüdiger Suchsland

Geändert am 25.12.2002 um 15:13 Uhr von Smaragdwoelfin
  Top
"Autor"  
Nutzer: Smaragdwoelfin
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 20.05.2002
Anzahl Nachrichten: 394

geschrieben am: 26.12.2002    um 16:25 Uhr   

Geändert am 04.01.2003 um 18:34 Uhr von Smaragdwoelfin
  Top
"Autor"  
Nutzer: Greymoon
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 29.08.2002
Anzahl Nachrichten: 79

geschrieben am: 29.12.2002    um 15:25 Uhr   
  Top