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geschrieben am: 25.12.2002 um 12:31 Uhr
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Alle bei Ovid geschilderten Metamorphosen werden über Menschen verhängt, die sich schuldig gemacht haben: Lykaons Verwandlung ist Strafe für die Impietät gegenüber den Göttern; Prokne und ihre Schwester Philomele setzen Tereus aus Rache für die Schändung und Verstümmelung ihrer Schwester seinen Sohn als Mahl vor und werden in Schwalben verwandelt, während Tereus zum Wiedehopf wird, dem auf dem Scheitel der Federkamm aufwärts steht und der Schnabel unmäßig hervorragt. Im Buch des Propheten Daniel wird berichtet, wie der babylonische König Nebukadnezar wegen seiner Selbstgefälligkeit und mangelnden Gottesfurcht sein Reich verlor und zum tierischen Dasein verurteilt wurde: »und er ward verstoßen von den Leuten hinweg, und er aß Gras wie Ochsen, und sein Leib lag unter dem Tau des Himmels, und er ward naß, bis sein Haar wuchs so groß wie Adlersfedern und seine Nägel wie Vogelsklauen wurden.« Erst als er Gott wieder lobte und das Himmelreich pries, erhielt er seine königlichen Ehren, seine Herrlichkeit und seine menschliche Gestalt zurück. Diesseitigere Gründe hat die Verwandlung Nebukadnezars in der Erzählung »Der weiße Stier« von Voltaire, der die Bemühungen des göttlichen Sehers Mambres, der schönen Prinzessin Amaside ihren Geliebten, dem sie unbeirrt auch als Stier die Treue hält, zu retten, mit spöttischem Behagen schildert. Die Sage von der Gottlosigkeit und Wildheit des arkadischen Königs Lykaon hängt mit den Menschenopfern zusammen, die noch im 4. Jahrhundert v.Chr. auf dem Gipfel des Lykaion, des »Wolfsbergs«, dem Zeus Lykaios dargebracht wurden. Wer von dem geopferten Fleisch aß, der wurde, so glaubte man, in einen Wolf verwandelt und bekam erst zehn Jahre danach (so Pausanias in der »Beschreibung Griechenlands«, VI, 8,2) seine menschliche Gestalt zurück. An jenen Kultus knüpften sich allerlei Werwolfgeschichten an. Nach Lykaon heißen Menschen, die an dem Wahn leiden, in einen reißenden Wolf verwandelt zu sein und ihre Mitmenschen zu verschlingen, Lykanthropen. In der Lykanthropie und anderen Tiermenschvorstellungen manifestieren sich kannibalische Wunschphantasien. In der Sagenform allerdings, wie sie Ovid erzählt, schimmert die Tendenz durch, die kannibalische Lust des Zeus zu unterschlagen, das heißt, den Gott davon zu entlasten, daß auch er Menschenfleisch begehrt. Die Verwandlung ist die Strafe für kanibalisches Tun, sie bannt die Gelüste in das Bild eines Tiers, dessen Gier als seinem Wesen gemäß empfunden wird. In der »Geschichte einer infantilen Neurose« analysiert Sigmund Freud den Fall eines »Wolfmannes«, dessen Kannibalismus durch Regression von einer höheren Stufe her in der Angst vor dem Wolf zum Vorschein gekommen ist. Bei der Angst, vom Wolf gefressen zu werden, die auch in vielen Kindermärchen wie »Rotkäppchen« eine Rolle spielt, handelt es sich unbewußt um die infantile Angst, vom Vater koitiert zu werden. Der Psychoanalytiker Karl Abraham sieht deshalb in Phänomenen wie Lykanthropie und Wolfsphobie einen deutlichen Verweis auf die frühe kannibalische Entwicklungsstufe der menschlichen Libido: »Und wie gewisse psychische Produkte des gesunden und kranken Einzelwesens an jenes frühe Stadium seiner Kindheit erinnern, so bewahrt auch das Volk in Sagen und Märchen die Spuren seiner entferntesten Vergangenheit. « Plato erwähnt die Sage, die man vom Tempel des Zeus Lykaios in Arkadien erzählt, im »Staat« und verweist auf den Zusammenhang mit gesellschaftlichen Zuständen, wo »der Mensch des Menschen Wolf« ist. Mit Lykaon vergleicht er den Führer eines Volkes, der seine Volksgenossen mit ungerechten Beschuldigungen, »wie sie das nicht selten tun, vor Gericht zieht, sie umbringt und, indem er ein Menschenleben vernichtet, mit Zunge und frevelndem Munde das Blut seiner Stammesgenossen trinkt«.
...entnommen Gigapolis...
Geändert am 25.12.2002 um 12:32 Uhr von Smaragdwoelfin |
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