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geschrieben am: 05.11.2002 um 20:23 Uhr
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Aus "In Hangen und Bangen"
Storch und Schwalbe sind gekommen,
Veilchen auch, die blauen Frommen
Frühlingsaugen grüßen mich;
Aber hin an Lenz und Leben
Zieh in Bangen ich und Beben -
Um dich.
Ach, um dich! Und doch, ich fühle:
Träte jetzt die Todeskühle
An mein Herz und riefe mich,
Wie ein Kind dann, unter Jammern
Würd ich mich ans Leben klammern -
Um dich.
Theodor Fontane
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geschrieben am: 06.11.2002 um 20:42 Uhr
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An Emma
Weit in nebelgrauer Ferne
Liegt mir das vergangne Glück,
Nur an einem schönen Sterne
Weilt mit Liebe noch der Blick.
Aber, wie des Sternes Pracht,
Ist es nur ein Schein der Nacht.
Deckte dir der lange Schlummer,
Dir der Tod die Augen zu,
Dich besäße doch mein Kummer,
Meinem Herzen lebtest du.
Aber ach! du lebst im Licht,
Meiner Liebe lebst du nicht.
Kann der Liebe süß Verlangen,
Emma, kann's vergänglich sein?
Was dahin ist und vergangen,
Emma, kann's die Liebe sein?
Ihrer Flamme Himmelsglut,
Stirbt sie wie ein irdisch Gut?
Friedrich von Schiller
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geschrieben am: 08.11.2002 um 09:38 Uhr
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Aus der Jugendzeit
Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar;
O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
Was mein einst war!
Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang,
Die den Herbst und Frühling bringt;
Ob das Dorf entlang, ob das Dorf entlang
Das jetzt noch klingt?
"Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
Waren Kisten und Kasten schwer;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War alles leer."
O du Kindermund, o du Kindermund,
Unbewußter Weisheit froh,
Vogelsprachekund, vogelsprachekund,
Wie Salomo!
O du Heimatflur, o du Heimatflur,
Laß zu deinem heiligen Raum
Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur
Entfliehn im Traum!
Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
War die Welt mir voll so sehr;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War alles leer.
Wohl die Schwalbe kehrt, wohl die Schwalbe kehrt,
Und der leere Kasten schwoll,
Ist das Herz geleert, ist das Herz geleert,
Wird's nie mehr voll.
Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt
Dir zurück, wonach du weinst;
Doch die Schwalbe singt, doch die Schwalbe singt
Im Dorf wie einst:
"Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
Waren Kisten und Kasten schwer;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War alles leer."
Friedrich Rückert
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geschrieben am: 09.11.2002 um 12:48 Uhr
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Die Vergebung
Was wir suchen,
finden wir nicht,
was wir finden,
sehen wir nicht,
was wir sehen,
glauben wir nicht,
was wir glauben,
halten wir nicht,
was wir halten,
verlieren wir nicht,
was wir verlieren,
bereuen wir nicht,
was wir bereuen,
verzeihen wir nicht,
was wir verzeihen,
sagen wir nicht.
András Varga |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 10.11.2002 um 11:56 Uhr
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Herr! schicke was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.
Eduard Mörike
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| "Autor" |
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geschrieben am: 11.11.2002 um 22:08 Uhr
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Wandrers Nachtlied
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Johann Wolfgang von Goethe
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geschrieben am: 12.11.2002 um 20:14 Uhr
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Die Wälder schweigen
Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.
Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
Man träumt von grünen Teichen und Forellen.
Und möchte in die Stille zu Besuch.
Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.
Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.
Erich Kästner
Geändert am 15.12.2002 um 22:40 Uhr von Tacky |
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geschrieben am: 13.11.2002 um 19:12 Uhr
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Unvermutende Betrachtung des hereinbrechenden Alters
Ich wollte nächst mein Gartenhaus besehn,
Weil da und hier viel Schaden war geschehn:
Die Türe war entzwei, die Pfoste war gesprungen,
Der falsche Regen war fast durch die Wand gedrungen.
Als ich den Pachtmann schalt,
So sagte er: Es ist alt.
Nun kunnte mich die Zeit gedenken,
Da ich den ersten Grund ließ senken.
Geht nun dies Haus vor Alter ein,
So werd' ich wohl kein Jüngling sein.
Ich suchte bald den schönsten Apfelbaum,
Allein ich fand die halben Äste kaum:
Die Planke lag dahin, die Gänge stunden wüste,
Die Rose war verdorrt, das Holzwerk ward zu Miste.
Als ich noch einmal schalt,
So sagte er: Es ist alt.
Nun hatt' ich erst bei meinem Leben
Die Gartenordnung angegeben.
Ach geht dies schon vor Alter ein,
So werd' ich wohl kein Jüngling sein.
Nicht weit davon da saß ein altes Weib'
Und spann den Flachs zu ihrem Zeitvertreib;
Ich fragte, wer sie wär? ich ließ mich unterweisen,
Es war des Pachtmanns Frau, die kam zum alten Eisen.
Wie seid ihr so gestalt?
Sie sprach: Herr, ich bin alt.
Nun hätt' ich ja beim Hochzeitsessen
Schon an ihrem Tisch gesessen.
Ach tritt sie nun ins Alter ein,
So werd' ich wohl kein Jüngling sein.
Zu guter Nacht, mein lieber Gartenbau!
Je länger ich in deine Felder schau,
Um so viel deutlicher muß ich die Jahre zählen,
Die künftig alle Kraft aus meinem Leibe stehlen.
Die Stunde folget bald,
Ich bin unwissend alt.
Wer weiß, wie lang' ich werde gehen,
So wird der Tod vorm Bette stehen.
Ach Herr des Lebens steh mir bei,
Daß ich kein Kind im Tode sein.
Christian Weise
Geändert am 15.12.2002 um 22:40 Uhr von Tacky |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 14.11.2002 um 21:28 Uhr
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Unterwegs
Wenn mir jetzt was begegnete,
Was mich tot machte ganz und gar;
So, daß der uns verregnete
Abschied gestern der letzte war.
So würde doch, was dann versäumt
Wäre, den Trost noch finden:
Das Leid, das von der Liebe träumt,
Muß auch in Liebe schwinden.
Joachim Ringelnatz
Geändert am 15.12.2002 um 22:39 Uhr von Tacky |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 16.11.2002 um 19:32 Uhr
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Schlaflose Nacht
Schlaflose Nacht, du bist allein die Zeit
Der ungestörten Einsamkeit!
Denn seine Herde treibt der laute Tag
In unsern grünenden Gedankenhag,
Die schönsten Blüten werden abgefressen,
Zertreten oft im Keime und vergessen.
Trägt aber uns der Schlaf mit weicher Hand
Ins Zauberboot, das heimlich stoßt vom Strand,
Und lenkt das Boot im weiten Ozean
Der Traum herum, ein trunkner Steuermann,
So sind wir nicht allein, denn bald gesellen
Die Launen uns der unbeherrschten Wellen
Mit Menschen mancherlei, vielleicht mit solchen,
Die feindlich unser Innres tief verletzt,
Bei deren Anblick sich das Herz entsetzt,
Getroffen von des Hasses kalten Dolchen;
An denen gerne wir vorüberdenken,
Um tiefer nicht den Dolch ins Herz zu senken. -
Dann wieder bringen uns die Wellenfluchten,
Wohin wir wachend nimmermehr gelangen,
In der Vergangenheit geheimste Buchten,
Wo uns der Jugend Hoffnungen empfangen.
Was aber hilfts? wir wachen auf - entschwunden
Ist all das Glück, es schmerzen alte Wunden.
Schlaflose Nacht, du bist allein die Zeit
Der ungestörten Einsamkeit.
Nikolaus Lenau
Geändert am 15.12.2002 um 22:39 Uhr von Tacky |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 17.11.2002 um 19:20 Uhr
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Der Kuckuck
Der Kuckuck sprach mit einem Star,
Der aus der Stadt geflohen war.
Was spricht man, fing er an zu schreien,
Was spricht man in der Stadt von unsern Melodeien?
Was spricht man von der Nachtigall?
„Die ganze Stadt lobt ihre Lieder.“
Und von der Lerche? rief er wieder.
„Die halbe Stadt lobt ihrer Stimme Schall.“
Und von der Amsel? fuhr er fort.
„Auch diese lobt man hier und dort.“
Ich muss dich doch noch etwas fragen:
Was, rief er, spricht man denn von mir?
Das, sprach der Star, das weiß ich nicht zu sagen;
Denn keine Seele redt von dir.
So will ich, fuhr er fort, mich an dem Undank rächen,
Und ewig von mir selber sprechen.
Christian Fürchtegott Gellert
Geändert am 15.12.2002 um 22:38 Uhr von Tacky |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 18.11.2002 um 21:06 Uhr
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Abschied
Kein Wort, auch nicht das kleinste, kann ich sagen,
Wozu das Herz den vollen Schlag verwehrt;
Die Stunde drängt, gerüstet steht der Wagen,
Es ist die Fahrt der Heimat abgekehrt.
Geht immerhin - denn eure Tat ist euer -
Und widerruft, was einst das Herz gebot;
Und kauft, wenn dieser Preis euch nicht zu teuer,
Dafür euch in der Heimat euer Brot!
Ich aber kann des Landes nicht, des eignen,
In Schmerz verstummte Klagen missverstehn;
Ich kann die stillen Graber nicht verleugnen,
Wie tief sie jetzt in Unkraut auch vergehn. -
Du, deren zarte Augen mich befragen -
Der dich mir gab, gesegnet sei der Tag!
Lass nur dein Herz an meinem Herzen schlagen,
Und zage nicht! Es ist derselbe Schlag.
Es strömt die Luft - die Knaben stehn und lauschen,
Vom Strand herüber dringt ein Möwenschrei;
Das ist die Flut! Das ist des Meeres Rauschen!
Ihr kennt es wohl; wir waren oft dabei.
Von meinem Arm in dieser letzten Stunde
Blickt einmal noch ins weite Land hinaus,
Und merkt es wohl, es steht auf diesem Grunde,
Wo wir auch weilen, unser Vaterhaus.
Wir scheiden jetzt, bis dieser Zeit Beschwerde
Ein andrer Tag, ein besserer, gesühnt;
Denn Raum ist auf der heimatlichen Erde
Für Fremde nur und was den Fremden dient.
Doch istŽs das flehendste von den Gebeten,
Ihr mögt dereinst, wenn mir es nicht vergönnt,
Mit festem Fuß auf diese Scholle treten,
Von der sich jetzt mein heißes Auge trennt! -
Und du, mein Kind, mein jüngstes, dessen Wiege
Auch noch auf diesem teuren Boden stand,
Hör mich! - denn alles andere ist Lüge -
Kein Mann gedeihet ohne Vaterland!
Kannst du den Sinn, den diese Worte führen,
Mit deiner Kinderseele nicht verstehn,
So soll es wie ein Schauer dich berühren
Und wie ein Pulsschlag in dein Leben gehn!
Theodor Storm
Geändert am 15.12.2002 um 22:37 Uhr von Tacky |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 26.11.2002 um 22:08 Uhr
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Schwesterlein, wann gehn wir nach Haus?
Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehn wir nach Haus?
Früh, wenn die Hähne krähn,
wolln wir nach Hause gehn,
Brüderlein, Brüderlein, dann gehn wir nach Haus.
Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehn wir nach Haus? -
Früh, wenn der Tag anbricht,
eh' end't die Freude nicht,
Brüderlein, Brüderlein, der fröhliche Braus.
Schwesterlein, Schwesterlein, wohl ist es nun Zeit! -
Mein Liebster tanzt mit mir,
geh ich, tanzt er mit ihr,
Brüderlein, Brüderlein, laß du mich heut!
Schwesterlein, Schwesterlein, du bist ja so blaß? -
Das ist der Morgenschein
auf meinen Wängelein,
Brüderlein, Brüderlein, die vom Taue naß.
Schwesterlein, Schwesterlein, du wankest so matt! -
Suche die Kammertür,
suche mein Bettlein mir!
Brüderlein, es wird fein unterm Rasen sein.
Volksweise
Geändert am 15.12.2002 um 22:37 Uhr von Tacky |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 01.12.2002 um 10:46 Uhr
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Der stürmische Morgen
Wie hat der Sturm zerrissen
Des Himmels graues Kleid!
Die Wolkenfetzen flattern
Umher in mattem Streit,
Und rote Feuerflammen
Ziehn zwischen ihnen hin:
Das nenn ich einen Morgen
So recht nach meinem Sinn!
Mein Herz sieht an dem Himmel
Gemalt sein eignes Bild -
Es ist nichts als der Winter,
Der Winter kalt und mild!
Wilhelm Müller
Geändert am 15.12.2002 um 22:36 Uhr von Tacky |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 03.12.2002 um 21:22 Uhr
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Der Seufzer
Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.
Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisenbahn unter ihm ein -
und er sank - und ward nimmer gesehen.
Christian Morgenstern
Geändert am 03.12.2002 um 21:24 Uhr von Bautzius Geändert am 15.12.2002 um 22:35 Uhr von Bautzius |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 05.12.2002 um 22:10 Uhr
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Überlistet
Wenn Blätter von den Bäumen stürzen,
die Tage täglich sich verkürzen,
wenn Amsel, Drossel, Fink und Meisen
die Koffer packen und verreisen,
wenn alle Maden, Motten, Mücken,
die wir versäumten zu zerdrücken,
von selber sterben - so glaub mir:
es steht der Winter vor der Tür!
Ich lass' ihn stehn!
Ich spiel ihm einen Possen!
Ich hab' die Tür verriegelt
und gut abgeschlossen!
Er kann nicht 'rein!
Ich hab' ihn angeschmiert!
Nun steht der Winter vor der Tür -
und friert!
Heinz Erhardt
Geändert am 15.12.2002 um 22:34 Uhr von Tacky |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 08.12.2002 um 18:42 Uhr
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Nebelschwaden
Nebelschwaden
ziehen über dem Garten der Dichter
Elfen tanzen in Mondes Schein
hüllen die Seiten in bunte Lichter
aalen sich im feuchten Tau;
die Buchstaben kleben wie Kleister
saugen sich mit Geschichten voll
Und aus den Wiesen Untergrund
lacht ein Maulwurf
mit vollem Schlund
Elfen tanzen über dem Garten der Dichter
hüllen die Seiten in bunte Lichter
und zum frühen Morgenrot
waren alle Elfen tot
Dirk Michael Boche
Geändert am 15.12.2002 um 22:32 Uhr von Tacky |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 15.12.2002 um 22:33 Uhr
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Weihnachtslied
Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Es brennt der Baum, ein süß' Gedüfte
Durchschwimmet träumerisch die Lüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.
Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.
Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.
Theodor Storm
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| "Autor" |
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geschrieben am: 16.12.2002 um 20:27 Uhr
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Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.
Rainer Maria Rilke
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| "Autor" |
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geschrieben am: 17.12.2002 um 22:06 Uhr
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Verlerne das nie:
dich nach der Arbeit auszurasten und auszuträumen!
Geh nicht auf im Erwerben,
im Abrackern von Körper und Geist.
Und wenn es nur Stunden der Muße sind,
wahre dir die Stunden,
da du in das Schöne,
das Große hineinsiehst,
das über uns allen im Lichte schwebt.
Jede solche Stunde,
innig genossen,
wird dir Kraft geben
für viele andere Stunden.
Ferdinand Avenarius
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| "Autor" |
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geschrieben am: 18.12.2002 um 21:48 Uhr
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Winterfreuden
"Was soll ich machen?"
fragt das Kind
Es langweilt sich
und geschwind
hat die Mutter "die Idee"
"Hüpfe und springe
in den weißen, hohen Schnee
der vor der Haustür liegt
und kühle dir den kleinen Zeh
wer weiß
wie lange wir
die weiße Pracht noch haben
in diesen Winter- und zugleich
schon Frühlingstagen".
Das Kind
es hört auf seine Mutter
springt und hüpft inzwischen schon
fröhlich im Schnee umher
kreischt vor Vergnügen
und
langweilt sich nun
gar nicht mehr
Gudrun Kropp
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| "Autor" |
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geschrieben am: 21.12.2002 um 15:21 Uhr
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Die Hirten
Hirten wachen im Feld;
Nacht ist rings auf der Welt;
Wach sind die Hirten alleine
Im Haine.
Und ein Engel so licht
Grüßet die Hirten und spricht:
"Christ, das Heil aller Frommen,
Ist kommen!"
Engel singen umher:
"Gott im Himmel sei Ehr!
Und den Menschen hienieden
Sei Frieden!"
Eilen die Hirten fort,
Eilen zum heiligen Ort,
Beten an in den Windlein
Das Kindlein.
Peter Cornelius |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 22.12.2002 um 18:43 Uhr
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Selige Sehnsucht
Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet:
Das LebendŽge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du, Schmetterling, verbrannt.
Und solangŽ du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Johann Wolfgang von Goethe
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| "Autor" |
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geschrieben am: 23.12.2002 um 08:47 Uhr
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Am Tag vor Weihnachten
Nur noch einmal wird es dunkel,
nur noch einmal wird es Nacht.
Wird es wieder Abend werden,
hat Knecht Ruprecht was gebracht.
Aus dem Walde wird er kommen,
wo verschneite Tannen stehn,
und sechs große zahme Hirsche
sind vor dem Gefährt zu sehn.
Glocken klingen, und der Schlitten
ist bis obenhin bepackt.
Ach, was hat der gute Alte
für die Kinder eingesackt!
Äpfel, Nüsse und Rosinen,
Kuchen, Kekse, Marzipan,
Engelshaar und Mandarinen,
Hampelmann und Eisenbahn.
Weiß du noch vom letzten Jahre,
als der Tannenbaum gebrannt,
wie es war, als lang erwartet
in der Tür Knecht Ruprecht stand?
Nur noch einmal wird es dunkel,
nur noch einmal wird es Nacht.
Wird es wieder Abend werden,
hat Knecht Ruprecht was gebracht.
Bruno Horst Bull
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| "Autor" |
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geschrieben am: 26.12.2002 um 02:10 Uhr
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Die Kunst Weise zu sein
ist die Kunst zu wissen
was man übersehen hat
Prof. Lesch
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