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Nutzer: Tacky
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geschrieben am: 23.01.2003    um 21:00 Uhr   
Unterwegs...

Der Mensch in seiner ursprünglichen Einfachheit,
sich oft versucht in Bescheidenheit,
nicht immer will ihm dies gelingen,
wenn er muss Verzicht aufbringen.

Manchmal will er halt der Erste sein,
der Beste auch noch obendrein,
schön und reich, so sieht er's gern,
man steht doch unter einem guten Stern !

Mit Ellenbogen kann es nur gelingen,
man will es halt zu etwas bringen,
bald hat man alles, was man braucht
und was noch fehlt, das wird gekauft.

Für Gefühle bleibt meist keine Zeit,
damit kommt man ja doch nicht weit.
Zeit ist Geld und Geld ist Macht,
wie schön, wenn uns Erfolg anlacht.

Freunde stellen sich in Scharen ein,
der Mensch ist halt nicht gern allein,
selbst Verlassenheit unter so vielen Leuten
muss noch lange nichts bedeuten !

In all diesem Bestreben man oft vergisst,
was der Mensch nun wirklich vermisst,
jene Dinge, die den Mensch zum Menschen machen,
die Liebe, die Freude, das Weinen und Lachen.

Und auf einmal sind die Jahre dahin
und man sucht vergebens nach des Daseins Sinn,
so viel geredet und dabei nichts gesagt,
die Seele riskiert, zu leben nicht gewagt.

Die Sprache des Herzens oft überhört,
den inneren Frieden im Keime zerstört,
grosse Werte ganz klein getreten,
verlernt zu lieben, zu leben, zu beten.

Und dann, wenn die Kraft des Lebens schwindet
und nur noch gemeinsames Schweigen bindet,
wenn wir uns selbst nicht mehr ertragen
und nach der ungesäten Ernte fragen.

Da erinnert man sich schmerzlich an jene Zeit,
wo man den Weg gehen wollte in Einfachheit.
So machen sich breit Kummer und Harm,
unsagbar reich und doch erbärmlich arm.

Gefangen in selbstgemachter Einsamkeit,
mit frierendem Herzen und Bitterkeit,
gestorben, ohne wirklich gelebt zu haben,
tiefe Furchen ins Gesicht gegraben.

Wie gut, dass gewisse kleine Dinge ganz bestimmt
auf dieser Welt nicht zu kaufen sind.


Armella Bumann

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geschrieben am: 24.01.2003    um 11:39 Uhr   
Aufmunterung zum Vergnügen

Erlernt von muntern Herzen
Die Kunst beglückt zu scherzen,
Die Kunst vergnügt zu sein.
Versucht es. Laßt uns singen,
Das Alter zu verjüngen,
Die Jugend zu erfreun.
Macht neue Freundschaftsschlüsse!
Ihr Kinder, gebt euch Küsse!
Ihr Väter, gebt euch Wein!


Friedrich von Hagedorn
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geschrieben am: 26.01.2003    um 20:18 Uhr   
Atemzug der Unendlichkeit

Das Geflüster
von EINTAGSFLIEGEN
währt eine kleine
EWIGKEIT,
so lange,
wie Tautropfen
im Lichte schmelzen:
besoffen von Sonne!


Alfred Müller-Felsenburg

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geschrieben am: 27.01.2003    um 19:59 Uhr   
Die Mähr von einer Nachtigall

Der Glöckner ist die Fledermaus;
Die sitzt im dunklen Glockenhaus
Und läutet traurig bim, bam, bem,
Damit ein Jeder es vernehm':
"Man fand im sanften Abendroth
Das liebste, beste Vöglein todt,
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Die Leichenbitter Huhn und Hahn
Durchziehen mit der Trauerfahn'
Das Land, und haben's kundgemacht:
"Die Theure wird in's Grab gebracht!"
Da klagten alle Vöglein sehr:
"Wie traurig! Ach, nun singt nicht mehr
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Die Dohle, welche Küster war,
Stellt drauf zurecht die Todtenbahr'
Im schönen, duft'gen Blumenhain,
Bei Sternenglanz und Mondenschein,
Wo sonst wohl Tag und Nächte lang
In Aller Freude herrlich sang
Die liebe,süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!

Die Schwalbe mit dem Schnäblein fein
Macht schnell ein Todtenhemdlein;
"Mit ihm wirst, Theure, du geschmückt,
Die Ohr und Herz uns oft entzückt,
Die alle Tage früh und spat
So köstlich stets gesungen hat,
Du liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Das Täubchen mit dem weißen Kleid
Weint bitterlich vor Herzeleid.
Sie bricht sich Blüthen, bindet draus
Als Jungfrau einen duft'gen Strauß.
"Ich brech' die Blümchen alle ab,
Zu schmücken bald das frühe Grab
Der lieben, süßen Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!

Die Lerche mußte Bote sein;
Im frühen, gold'nen Sonnenschein
Steigt Sie empor zu Himmelshöh'n,
Den Segen droben zu ersteh'n.
"Habt, gute Englein, Mitleid doch!
O lebte meine Schwester noch,
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Das Meislein fliegt bald auch herzu,
Hin ist der Armen Herzensruh.
"Ich thue gern die letzte Pflicht
Und zünde an das Herzenlicht,
Damit erhellt der dunkle Raum,
Wo sie jetzt träumt den Himmelstraum,
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Die Eule hat die Todtenwacht,
Sie steht ja hell in dunkler Nacht;
Sie sitzt so ernst, der Trauer Bild,
Wobei ihr manche Thrän' entquillt.
"Ich hab' als Räuber hier gewohnt,
Doch dich hab' immer ich geschont,
Dich, liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Die Ente muß der Kehrer sein;
Sie macht gar schnell die Wege rein,
Damit, wenn man zu Grab' sie trägt,
Die Bahn dahin auch rein gefegt.
"Ich thu' es gern zu Ehren dir,
Du warst der Sänger schönste Zier,
Du liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Im schwarzen Kleid der alte Rab'
Gräbt für die Theure schon das Grab,
Wobei er, schmerzlich krächzend, ruft:
"Ich grabe dir die kühle Gruft!
Und decke morgen ich dich zu,
Dann schlafe sanft in ew'ger Ruh',
Du liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Die Gänse gehen Schritt vor Schritt
In einer Reh' zur Leiche mit,
Sie stellen selbst ihr Schnattern sein
Und weinen Thränen hell und rein.
"Wir bringen dich zur Ruhestatt,
Dich, die zu früh geendet hat,
Dich, liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Das Kreuz das hat der Specht gemacht
Und hat es traurig hingebracht
Zum Friedhof, wo das Grab bereit;
Er setzt's mit bittrem Herzeleid. -
"Das Kreuz macht mir so großen Schmerz,
Weil es für dich, du golden Herz,
Für dich, du liebste Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Rotkehlchen fehlet gleichfalls nicht,
Bringt Rosen und Vergißmeinnicht
Und pflanzt sie sauber auf das Grab,
In das man senkte sie hinab. -
"Und wenn man dich auch hier begräbt,
Dein Bild uns stets im Herzen lebt,
Du liebste, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"

Der Dompfaff, Pastor, räuspert sich
Und spricht am Grabe feierlich:
"Du warst so gut, du warst so brav,
Drum, liebes Vögeln, ruhig schlaf'!
Du sangst so herrlich, sangst so süß,
Nun singe fort im Paradies,
Du liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
in dunklen, grünen Zweigen!"

Doch wer hat Schuld an Vögleins Tod?
Wer hat geschaffen diese Noth?
Ich nenne laut den Namen nicht,
Ein Knabe warf's - ein Bösewicht!!
"Kind, thu' dem Vöglein Nichts zul eid,
Gott schuf sie ja zur Freudigkeit,
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"


Gustav Konrad Süs

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geschrieben am: 27.01.2003    um 22:10 Uhr   
Ein altes blindes Weib lag krank,
Die Ärzte dokterten sie lang
Und jeder nahm für jeden Gang
Ein Stückchen Hausrat mit zum Dank.
So gings ein' Weile hin und her,
Das Weib ward sehnd, das Haus war leer.
"Bezahlt uns nun für viele Kunst und Müh."
"Ach", sagte sie,
"Trotz meines neuen Angesichts,
Ihr Herren, seh' ich nun - Nichts!"

Johann Gottfried Herder
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geschrieben am: 28.01.2003    um 21:33 Uhr   
Seltsam

Seltsam,
es ist beruhigend,
zu begreifen;
daß es nichts Festes gibt.
Nur Gegensätze.
Jede Farbe fordert
ihre Gegenfarbe.
Seltsam?


Dieter Kahl

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geschrieben am: 29.01.2003    um 21:17 Uhr   
Trost

So komme, was da kommen mag!
Solang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,
Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,
Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

Theodor Storm
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geschrieben am: 30.01.2003    um 21:42 Uhr   
Regel-Recht

Wer sich an Regeln hält
Hält die Regeln
Für recht
Und hält Recht
Für eine Regel

Hält die Regel nicht
Wer sie verspricht
Wird die Regel
Zur Ausnahme
Was ausnahmslos
Unrecht ist

Rechte Regeln
Regel
Recht und Unrecht
In der Regel
Gerecht


Hans Jürgen Kugler

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geschrieben am: 31.01.2003    um 21:52 Uhr   
Das Fenster

Ein Fenster zum Luft herein lassen,
erfüllt mit Blumenduft und Vogelgezwitscher,
mit dem Geschrei der Kinder,
und dem Lärm der Stadt.

Ein Fenster zum Atmen
und in die Ferne schauen,
zum Hinausschlüpfen und Davonfliegen.
Ein Fenster in die Freiheit.

Ein Fenster ohne Vorhang
zum Hineinblicken und Hinauslächeln,
zum Einladen und Arm entgegen strecken.
Ein Fenster für dich.


Ingrid Hoffmann
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geschrieben am: 01.02.2003    um 19:33 Uhr   
Wie lange noch...?

Wenn du betrachtest unsre Welt
Und siehst, was unterm Sternenzelt
Tagtäglich so der Mensch anrichtet,
Indem er Regenwald vernichtet
Aus Habgier, einfach rücksichtslos,
Mit Schäden, unermeßlich groß,
Ganz frei von Schuldgefühl und Sorgen,
Nicht einmal denkt: Was wird aus Morgen?:
Dann fragst du dich recht bange:
„Wie lange noch, wie lange?“

Noch schlimmer stehtÂ’s um Bruder Tier,
Da hat der Mensch aus purer Gier
So manche Art schon ausgerottet,
Sein Mitgefühl längst eingemottet,
Das schien ihm reichlich antiquiert,
Der Zeitgeist andre Werte führt,
Vor Qualität setzt er die Masse
Und macht dabei ganz große Kasse;
Und wieder fragst du bange:
„Wie lange noch, wie lange?“

Das Meer erscheint ihm grenzenlos,
Kippt Tonnen Unrat in sein’ Schoß,
Ganz gleich ob Altöl, Säure, Laugen,
Der Meeresgrund wirdÂ’s schon aufsaugen,
Und wenn die Wale gehen irrÂ’
In all dem Echolotgewirr,
Dann äußert Mensch zwar sein Bedauern,
Doch fehlt ihm Zeit darob zu trauern;
Erneut fragst du dich bange:
„Wie lange noch, wie lange?“

Bedrohlich ist der Wert Ozon,
Die Auswirkung spürt’ mancher schon,
Und dennoch rollen Blechlawinen
Pausenlos – dem Mensch zu dienen,
Befördern ihn zum Urlaubsstrand,
Am blauen Meer liegt er im Sand,
Um in der Sonne sich zu aalen,
Wird einen hohen Preis einst zahlen,
Auch hier fragst du dich bange:
„Wie lange noch, wie lange?“

Der Mensch erforscht das Weltenall
Und sucht den wahren „Ursprungsknall“,
Dafür scheut er auch keine Kosten,
Selbst, wenn die Raumschiffe verrosten,
Ist blind für Krieg und Hungersnot,
Global die Katastrophe droht;
Doch immer gibtÂ’s auch Zeitgenossen,
Die allen Wahnsinn unverdrossen
Anklagen, nimmer bange!
Wie lange noch, wie lange?


Brigitte Pulley-Grein


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geschrieben am: 02.02.2003    um 19:25 Uhr   
Die Gunst des Augenblicks

Und so finden wir uns wieder
In dem heitern bunten Reihn,
Und es soll der Kranz der Lieder
Frisch und grün geflochten sein.

Aber wem der Götter bringen
Wir des Liedes ersten Zoll?
Ihn vor allen laßt uns singen,
Der die Freude schaffen soll!

Denn was frommt es, daß mit Leben
Ceres den Altar geschmückt?
Daß den Purpursaft der Reben
Bacchus in die Schale drückt?

Zückt vom Himmel nicht der Funken,
Der den Herd in Flammen setzt,
Ist der Geist nicht feuertrunken
Und das Herz bleibt unergetzt.

Aus den Wolken muß es fallen,
Aus der Götter Schoß, das Glück,
Und der mächtige von allen
Herrschern ist der Augenblick.

Von dem allerersten Werden
Der unendlichen Natur -
Alles Göttliche auf Erden
Ist ein Lichtgedanke nur.

Langsam in dem Lauf der Horen
Füget sich der Stein zum Stein,
Schnell, wie es der Geist geboren,
Will das Werk empfunden sein.

Wie im hellen Sonnenblicke
Sich ein Farbenteppich webt,
Wie auf ihrer bunten Brücke
Iris durch den Himmel schwebt -

So ist jede schöne Gabe
Flüchtig wie des Blitzes Schein,
Schnell in ihrem düstern Grabe
Schließt die Nacht sie wieder ein.

Friedrich von Schiller
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geschrieben am: 03.02.2003    um 21:42 Uhr   
Grenzen der Menschheit

Wenn der uralte,
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze
Über die Erde sät,
Küß ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgendein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.

Steht er mit festen,
Markigen Knochen
Auf der wohlbegründeten
Dauernden Erde,
Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Was unterscheidet
Götter von Menschen?
Daß viele Welten
Von jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sich dauernd
An ihres Daseins
Unendliche Kette.

Johann Wolfgang von Goethe
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geschrieben am: 04.02.2003    um 22:03 Uhr   
Nicht früh aufstehen...

Nicht früh aufstehen,
auf spitzen Zehen,
im Bad rumstehen,
frühstücken gehen.

Draußen Winde wehen,
eine Runde drehen,
Hunger eingestehen,
auf Essen bestehen.

Mit Programm versehen,
ein bißchen Fersehen,
vieles nicht verstehen,
oder schon gesehen.

Die Zeitung erstehen,
Bekannte erspähen
Gespräche entstehen,
Eindrücke verwehen.

Ein Glas rouge im Stehen
Froh nach Hause gehen,
pinkeln, nochmal blähen,

zufrieden schlafengehen.


Axel W. Lichy
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geschrieben am: 07.02.2003    um 21:06 Uhr   
Das Gleichnis

Wie wenn da einer, und er hielte
ein frühgereiftes Kind, das schielte,
hoch in den himmel und er bäte:
"Du hörst jetzt auf den Namen Käthe!" -
Wär dieser nicht dem Elch vergleichbar,
der tief im Sumpf und unerreichbar
nach Wurzeln, Halmen, Stauden sucht
und dabei stumm den Tag verflucht,
an dem er dieser Erde Licht...
Nein? Nicht vergleichbar? Na, dann nicht!

Robert Gernhardt
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geschrieben am: 08.02.2003    um 23:28 Uhr   
Verbraucherinformation

Wohldosiert und tröpfchenweise
dämlich grinsend uni Form
Profilgelackte Kindergreise
in profitgerechter Norm

Prostituierender Schönheitswahn
Trieb provozierende Posen
zielgruppenorientierter Elan
strategisch gezüchtete Neurosen

Entlastungsgeparkte Babys
verführende Konsumsitter
orientierungslose Mammis
vor Stäben freiem Gitter

Label ummantelte Munition
auf Schulhöfen prügelnde Kinder
Ideal verzerrte Generation
staunend offener Münder

Verflüssigter Beton im Kopf
Verbraucherinformation
verfügungskonformer Tropf
Requiem der Nation


Klaus Botha


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Nutzer: Tacky
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geschrieben am: 09.02.2003    um 21:16 Uhr   
Eins auf die guten alten Zeiten, und eins für Dich

Was waren das für Zeiten
damals,
als ich noch jung war und immer
eine Spur von Ignoranz und Gemeinheit
im Gesicht,
weil ich alles können und haben
wollte
und dabei nichts zu Stande
brachte?
Was waren das für gute alte Zeiten,
von denen die Väter und
Großväter sagten, sie seien
schlecht und würden noch
schlechter werden?
Die Alten hörten auf sich mit den
Jungen zu prügeln, die
Jungen suchten sich Jüngere,
und wo wir auftauchten -mit
langen Haaren und
perspektivlos-
da schüttelten sie ihre
Köpfe.
Und wo warst du damals,
als ich mein Leben
lebte?
Ich schätze, das ist eine Frage
zu viel, aber damals war es
egal in den Zeiten, als
ich jung und unbesiegbar war,
und die Götter waren ebenfalls
verrückt und ließen mich gewähren.


Hartmuth Malorny

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geschrieben am: 10.02.2003    um 21:47 Uhr   
Veränderte Welt

Die Menschheit ist dahinter kommen,
Trotz aller Gaukelei der Frommen,
Daß mit dem Leben vor dem Grabe
Man endlich Ernst zu machen habe.

Zerbrochen ist des Wahnes Kette,
Die Erde sei nur Übungsstätte,
Nur Voltigierbock sei das Leben,
Aufs Roß werd uns der Himmel heben.

Auf freiem grünem Erdengrunde
Wird jeder bald schon hier, zur Stunde,
Bevor das Grab ihn deckt mit Schollen,
Sein Rößlein weiden, tummeln wollen.


Nikolaus Lenau
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geschrieben am: 11.02.2003    um 21:44 Uhr   
O wär'...

O wär' im Februar doch auch,
Wie's andrer Orten ist der Brauch,
Bei uns die Narrheit zünftig!
Denn wer, so lang das Jahr sich mißt,
Nicht einmal herzlich närrisch ist,
Wie wäre der zu andrer Frist
Wohl jemals ganz vernünftig.


Theodor Storm
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Nutzer: Tacky
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geschrieben am: 14.02.2003    um 21:47 Uhr   
Holzstück

Ein Holzstück treibt im Wasser des Stromes,
mal leicht schaukelnd,
mal von den Wellen vorbeifahrender Schiffe hochgehoben und untergetaucht,
mal vom Strudel erfasst, sich drehend,
mal seicht auf der Stelle schwimmend.

Das Holzstück -
es könnte auch Mensch heißen.


Karin Cimander

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geschrieben am: 16.02.2003    um 21:34 Uhr   
Wackelpo-Hymne

Du wunderweicher Wackelpo,
Du himmlisches Gebilde.
Dein Anblick stimmt den strengsten Mann
so freudevoll und milde.

Du wunderweicher Wackelpo,
so weich wie frische Wecken.
Verflucht sei, wer verstecken will
Dich unter weiten Röcken.

Du wunderweicher Wackelpo,
Du Augengötterspeise.
Wer je Dich in den Händen hielt,
singt Dir ein Lied zum Preise.


Lothar Schumacher

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geschrieben am: 18.02.2003    um 21:22 Uhr   
Trost

Alle, die tot auf dem Schlachtfeld liegen,
Hatten ein Leben nur zu verlieren,
Und doch ist es stets wieder ein Vergnügen,
Europas Grenzen zu korrigieren.
Der Diplomat brummt verächtlich: Ach!
Die Menschen? Die wachsen rasch wieder nach.


Frank Wedekind

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geschrieben am: 20.02.2003    um 20:55 Uhr   
Pamphlet

Manchmal hasse ich euch
Geschlechtsgenossen
wenn ich sehe
welch tiefe Kerben
ihr gehauen habt
in die Seelen der Mädchen
die keine Erziehung schützt.
Was für ein Kampf ist es oft
zu beweisen
daß man nicht nur Mann ist
sondern auch Mensch!


Jörn Pfennig
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geschrieben am: 21.02.2003    um 20:54 Uhr   
Gedanken...

Gedanken kommen, Gedanken gehen,
mal trübe, mal heiter, nie zu sehen.
Sie gehören nur dir, nur dir ganz allein,
mit deinen Gedanken, kannst du überall sein.

Mal bist du zu hause, mal weit in der Ferne,
mal sind sie dir fremd, mal hast du sie gerne.
Mal hältst du sie fest, mal lässt du sie los,
oft fragst du dich, woher kommen sie bloß.

In Gedanken versunken, Ruhe kehrt ein,
sie tragen dich fort, es wird wunderbar sein.
Doch oft ist es dann, kehrst du zurück,
ein Traum nur gewesen vom großen Glück.

Gedanken, manchmal sie dich auch quälen,
niemandem kannst du davon erzählen.
Halt sie nicht fest, lass einfach sie ziehen,
frag nicht, wohin sie sodann entfliehen.

Lasse sie manchmal auch kreisen um dich,
positiv sein, für dein eigenes ich.
Halte sie fest, solange es geht,
für schöne Gedanken ist es niemals zu spät.

So lass deinen Gedanken freien Lauf,
niemand kennt sie und hält sie auf.
Gefangen halte darin deine Träume,
dann schlägt deine Seele Purzelbäume.


Karin Dietrich



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geschrieben am: 24.02.2003    um 21:52 Uhr   
Ich stehe neben mir

und ertappe mich dabei
wie ich manchmal
in die alte Spur gerate.

So werde ich
zu meinem eigenen
Belastungszeugen.


Eberhard Schmidt
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geschrieben am: 25.02.2003    um 21:52 Uhr   
Kampf im Dunkeln

Die Zeiger meiner Uhr
Hat das Dunkel verschluckt
Wie spät es ist weiss ich jetzt nicht
Doch dann wird das Dunkel
Von der Sonne verschluckt
Bis dahin
Messe ich die Zeit
Auch mit Schatten

Buhar Salihu



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