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geschrieben am: 24.04.2005 um 20:33 Uhr
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Oh, also ist es etwas persönliches, wenn ich deine Reaktion richtig deute, Felice. Und glaube mir, ich weiß mittlerweile, wie Menschen reagieren. Das macht dich aber nur interessanter. Du bist ein Rätsel für mich. Keine Angst, ich könnte sofort herausfinden, was dich so kaltherzig und abweisend, aber auch verletzlich macht, aber ich werde nicht mehr in deinen Geist eindringen…
Lucien faltete sorgfältig den Zettel und reichte ihn Felice. Dann beugte er sich über Rasmus und reichte dem jungen Italiener auch noch eine Decke.
„Hier, für dich und deinen Bruder. Pass auf, dass er dich nicht ansteckt. Ach ja, die hier sind auch für Vico.“
Rasmus hatte sich schon längst in die dunkelgrüne Decke gehüllt und Lucien das Buch gegeben, der es auf der kleinen Ablage platziert hatte.
„Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht ganz verstehe, was du damit sagen willst. Mit dem Gedicht, meine ich. Klär mich doch auf!“
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geschrieben am: 24.04.2005 um 20:59 Uhr
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Als die ausgestreckte Hand den Zettel in sich fand, verschwand sie unter der Decke – die ja nur eine Jacke war – und schob die wichtige Ware in Felice Hosentasche. Direkt danach kam sie wieder hervor, um die nun richtige Decke zu ergreifen. Langsam tauchte Felice die Jacke mit der kratzigen Bahndecke aus und breitete sich über sich und Vico, der weiter schlummerte. Danach kam die letzte Sache, die auch an seine Adresse ging: Die Tabletten! Er fasste danach und nahm sie an sich. Prüfend ließ er die Verpackung kreisen und las, was es zu lesen gab. Hm…, zumindest waren sie für Kinder, das war schon mal gut. Die wird er Vico verabreichen, sobald er quengeliger wurde, aber jetzt sicher noch nicht, denn jetzt wollte er Lucien missachten, indem sich die Hand viel mehr auf das kurze, ebenso pechschwarze Haar von seinem Bruder konzentrierte, was die Finger neugierig befühlten. Dennoch, er schaffte es nicht. Felice wendete den Kopf und blickte zu Lucien. Seine Augen schmälen sich und er schien nicht wohl gestimmt auf dieses Thema zu sein.
„Was geht dich das an?“
Ich bin nicht in der Stimmung, es einem Fremden anzuvertrauen. Ich habe es nicht mal meinem Bruder gebeichtet, warum dann dir? Nein, das ist mein Geheimnis, was ich hüten werde, bis es vorbei ist.
„Es ist nur ein unsinniges Gedicht. Uralt, vielleicht eines meiner Ersten. Da hatte ich sicher…, Liebeskummer oder so gehabt.“
Er machte eine desinteressierte, abwinkende Handbewegung. Der Blick wendete sich erhaben ab und die Lider verdeckten die tiefbraune Iris.
„Ich muss es aufbewahrt haben, weil es eben einer meiner Ersten war.“
Unsinn! Kein Papier könnte sich so gut wie neu über all die Jahre erhalten. Da war etwas faul… . |
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geschrieben am: 24.04.2005 um 21:14 Uhr
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„Du musst sehr spät mit dem Schreiben angefangen haben. Vielleicht vor einem halben Jahr, oder weniger. Das klingt aber nicht so, als hätte es jemand mit so wenig Erfahrung geschrieben.“
Lucien bemerkte natürlich, wie sich die schönen, tiefbraunen Augen wütend und abweisend verengten, aber er wollte nicht so schnell aufgeben. Da steckte mehr dahinter und er würde auch erfahren, was es war. Früher, oder später.
„Weißt du, ich denke eher, dass es was anderes ist. Wenn du nicht möchtest, dass andere über dein Gefühlsleben Bescheid wissen, schreib keine Gedichte. Oder nein… lass dir nicht so sehr anmerken, dass es dich ärgert, wenn andere sie lesen. Es muss etwas sein, das dich sehr bewegt hat. Im negativen Sinne denke ich, weil der Grundton des Gedichts sehr düster ist. Vielleicht wird man später aus deiner Biographie Rückschlüsse auf die Bedeutung des Gedichts ziehen, wenn du schon längst tot bist. Das macht man häufiger so.“
Er zuckte beiläufig die Schulter und schaute zu Rasmus. Der hatte seinen Kopf wieder angelehnt und schlummerte schon fast ein. Ach, er war schon ein treuer Freund. Dann wanderte der Blick aber wieder zu Felice. Seine blauen Augen saugten dieses Gesicht förmlich in sich auf. Ja, ich will wissen warum du dieses Gedicht geschrieben hast und ich werde nicht eher Ruhe geben, bis ich es weiß. Neugier kann gefährlich sein… aber nur, wenn der Gegner stärker ist und das bist du noch nicht, Felice. Ja, ich will alles wissen!
Geändert am 24.04.2005 um 21:15 Uhr von LucienAmadeus |
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geschrieben am: 25.04.2005 um 16:35 Uhr
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Mit einem plötzlich aufkommenden, dezenten Lachen warf sich der rechte Arm des Italieners über seine Augen. So plötzlich wie sein Lachen aufgekommen war, umso plötzlicher verebbte es. Stille machte sich einen Augenblick im Abteil breit, ehe die Stimme des jungen Mannes erhob.
„Hör mal zu, Lucien.“
Der Name des anderen wurde schrecklich zynisch untermalt, warum, wusste nur Felice.
„Deine besserwisserischen Meinungen kannst du getrost bei dir lassen! Es geht dich einfach nichts an, was dieses Gedicht aussagen will. Es ist relativ, zu welcher Zeit es geschrieben wurde, denn wichtig für dich ist nur: Halt die Neugier zurück!“
Das kannst du vielleicht mir Rasmus, oder was weiß ich mit wem, machen, aber nicht mit mir. Ich bin ein Mensch der ein Recht auf ein eigenes Leben hat. Wenn du dich damit nicht auseinandersetzen kannst, ist es nicht mein Problem. Ich habe dir keinerlei Erklärung abzugeben, auch nicht, wenn ich es wollte. Du bist für mich noch immer ein Fremder und das wird auch immer so sein. Vielleicht denkst du, dass du mit deiner aufdringlichen Ader jeden um den Finger wickeln kannst, aber das zieht bei mir nicht. Aus flüchtigen Hotelbekanntschaften wurde noch nie eine langjährige Freundschaft, zumindest nicht in meinem Leben. Genau…, mein Leben! Scheinbar muss ich es dir begreiflich machen. Nun gut!
Felice wendete den Kopf ab und zog die Decke zurecht. Er lauschte eine Weile auf das charakteristische Rattern des Zuges und ließ den Arm wieder sinken, wobei seine Lider diesmal für eine ganz bestimmte, aber längere, Zeit gesenkt bleiben sollte.
„Und jetzt sei ruhig. Ich will schlafen… .“
Man wusste nicht, wieso, aber Felice schien mit Freundlichkeit durchaus zu sparen. Aber wie gesagt, er gab sich noch nicht mal die Mühe, näher auf Lucien auszugehen. Warum auch? Die nächste Haltestation, die gehörte ihm und seinem Bruder…! |
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geschrieben am: 25.04.2005 um 20:12 Uhr
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Entzückend, wirklich entzückend. Die menschliche Seele war so leicht zu durchschauen, wenn man erst einmal verstanden hatte. Oftmals reicht das kleinste Fünkchen um ein richtiges Inferno zu entfachen. Lucien musste genau diesen Funken entzündet haben. Keine Regung war auf seinem Gesicht zu erkennen, als Felice ihn so forsch anfuhr. Schweigend nahm er die Argumente – oder besser gesagt Aussagen – hin und nickte nur kurz. Nicht, dass es ihn getroffen hätte (nein, dafür war Felice, wie er selbst schon bemerkt hatte, nur eine Hotelbekanntschaft), aber er wollte keinen Streit vom Zaun brechen und so das hübsche Gesicht in eine wutverzerrte Grimasse verwandelte. Er hatte schon immer eine Schwäche für schöne Sachen gehabt. Statuen hatten schon seit er denken konnte eine ungeheure Anziehungskraft auf ihn, ebenso Gemälde, Blumen, Musik und Literatur. Auch von besonders hübschen Menschen konnte er nie genug bekommen, dabei war es egal auf welche Art sie „hübsch“ waren. Manchmal, war es nur eine Augenfarbe, ein anderes Mal die Art zu Gehen und wieder ein anderes Mal ein Charakterzug, der ihn in den Bann zog.
Rasmus öffnete selbst bei diesem leisen Wortgefecht nicht seine Augen. Es sah ganz so aus, als schliefe er wirklich. Lucien überschlug die Beine. Sein Blick lag auf den beiden Brüdern. Ihr habt eure Gründe mit mir zu kommen, aber die decken sich bestimmt nicht mit den meinen. Wie dem auch sein, wie dem auch sei…
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geschrieben am: 25.04.2005 um 20:47 Uhr
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Es war kurz nach halb eins, als die mechanische Stimme im Abteil den Bahnhof „LeHavre“ ankündigte. Hier mussten sie raus. Lucien hatte den Rest der Fahrt damit verbracht die Landschaft zu betrachten, die an den Fenstern vorbei schnellte. Je weiter sie an ihr Ziel kamen, desto dichter war das Land besiedelt und die Luft schien stickiger zu werden. Natürlich sah man das nicht, aber es war eine Tatsache.
Rasmus war vor einigen Minuten aufgewacht und schaute nun etwas verschlafen aus der Wäsche. Dafür hatte er schon alles zusammen gepackt, was sie mitnehmen wollten.
Jetzt berührte Lucien jedoch mit seiner schmalen Hand Felice Schulter.
„Wach auf, wir müssen umsteigen! Komm wach auf!“
Flüsterte er eindringlich und stand wieder auf um das Fenster zu öffnen.
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geschrieben am: 25.04.2005 um 21:03 Uhr
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„Was…, was?“
Verdammt, was ist denn los?
Übermüdet rieb sich Felice mit den Fingern über die Augen, ehe er die Hände zum Abstützen benutzte, um sich aufzusetzen. Er wusste gar nicht, was los war. Er hatte auch gar nicht bemerkt, wie er eingeschlafen war. Das musste ganz plötzlich passiert sein, diese Tabletten… . Am Liebsten würde er sie absetzen, aber das ging eben nicht so einfach. Ein prüfender Blick galt Vico, der leise Murmelte. Genauso prüfend fuhr die rechte Hand von Felice über die Stirn seines Bruders hinweg. Hm, immer noch etwas erhöhte Temperatur, aber gut, dass sie sich nicht vermehrt hatte. Ach, das ist sicher eine Form von Heimweh!
Heimweh… . Komm, stell dich nicht an, wie ein kleines Kind. Du hattest vor gehabt, bei der nächsten Station Reißaus zu nehmen, doch nun geht es nicht. Dein Bruder ist krank und es ist dunkel, dazu kaum Passanten unterwegs, die dich hätten schützen können. Wozu denn generell wegrennen? Du bist ihm keinerlei Erklärung schuldig.
Mühsam entfernte sich der junge Italiener unter Vico und ließ ihn noch einen Augenblick liegen. Ah, er hatte nun etwas zu klären! Seine Hände strichen über die Klamotten, dann durchs Haar.
„Ich werde euch hier verlassen.“
Kam es plötzlich auf.
„Ich muss nach Hause zurück, tut mir leid. Mein Vorhaben war zu unüberlegt, zu schnell entschlossen. Was ich hier tue, ist egoistisch. Ich muss an meinen Bruder denken. Ich weiß, dass ihr es verstehen werdet.“
Und wenn nicht, ist mir das nun auch egal.
Felice kramte sein Gepäck hervor und machte sich nun daran, Vico sanft zu wecken. |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 25.04.2005 um 21:35 Uhr
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Kalte Luft wehte in das Abteil und wirbelte Luciens schwarze Haare durch einander. Er musste sie mit beiden Händen zurück streichen. Die Offenbarung des jungen Italieners kam für ihn nicht unerwartet. Es war von Anfang an offensichtlich gewesen, dass Felice sich in seiner Gegenwart nicht wohl fühlte und ihn nur benutzte um einem größeren Problem zu entgehen.
Lucien drehte sich ihm zu, lehnte lässig an der ruckenden Zugwand. Seine blauen Augen waren ganz ruhig.
„Ja, ich verstehe das. Fahrt nur nach Hause, aber vergesst nicht, dass da euer Vater wartet. Schickt mir eine Postkarte, wenn ihr die Prügel im Internat überlebt habt und große Künstler geworden seid? Braucht ihr Geld für die Rückfahrt?“ Seine schlanken, hellen Finger griffen in seine Hosentasche und er steckte Felice ohne ein weiteres Wort einen 500Euro-Schein zu. Er drehte sich um und schob die Abteiltür auf.
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geschrieben am: 25.04.2005 um 21:50 Uhr
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Dieses ganze Verhalten von Lucien war einmal mehr zum Kotzen. Diese großspurige Ader…, ja, er würde ihm nun gerne eine in die Fresse hauen, um es auf gut Deutsch auszudrücken. Doch, es blieb aus. Er hatte nur die Fäuste für einen Augenblick geballt und nahm den Schein zu, den er – wie ein Stricher, bezahlt für gute Dienste – zugesteckt bekommen hatte. Er schmiss ihn auf Luciens Sitz und nahm sich nun Vico an, der langsam aufgewacht war.
„Komm, Großer.“
Wisperte er leise zu Vico und schob ihn sacht an Lucien aus dem Abteil hinaus. Diesmal würde er sich nicht mehr aufregen, denn er wusste, wie richtig sein jetziges Verhalten war. Er musste einfach an Vico denken, er konnte…, er konnte ihn doch nicht…, nein. Als der Kleine wackelnd ein paar Schritte gegangen war, wendete sich Felice noch einmal um, um den Koffer zu nehmen, den er mit dem anderen mitgeführt hatte. Doch einer reichte nun vollkommen. Ein sanftes Lächeln gebaren die Lippen.
„Grün und blau…, nein, ich denke nicht. Ich habe eine andere, eine bessere Lösung gefunden. Arrivederci!“
Für den einen mag es gemein sein, doch für Felice war es die einzige Lösung. Er drückte zuerst den Koffer, dann sich selbst an Lucien vorbei. Sie waren nicht weit weg, er und Vico würden schlafen und sobald sie wieder zu Hause waren, würde er für die letzte Zeit kämpfen. |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 25.04.2005 um 22:21 Uhr
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Wenn Felice Lucien bis jetzt für großspurig gehalten hatte, dann war das sicherlich subjektives Empfinden. Der Franzose lächelte Rasmus zu.
„Komm, mein Freund.“
Dann ging auch er aus dem Abteil. Das Geld war ihm gleich. Davon hatte er genug. Der Zug wackelte noch immer, so dass man noch immer eine Hand zum Abstützen brauchte. Rasmus schwankte ihm hinter her und fasste nach seiner Schulter.
„Lucien…“
„Was ist?“
„Warum lässt du sie einfach so gehen?“
„Weil sie gehen möchten?!“
„Das hat dich noch nie interessiert. Und wenn du mir jetzt erzählen willst, dass du deine Meinung über Menschen plötzlich geändert hast, dann solltest du das sehr glaubwürdig tun.“
„Ach Rasmus, du weißt doch genau, wie das ist. Irgendwann sterben sie so, wie so.“
„Ich kenne dich. Du spielst es runter. Eigentlich willst du nicht, dass sie gehen. So ist’s für dich nur einfacher, stimmt’s?“
„Lass das endlich und komm!“
„Also habe ich doch Recht! Der Ältere von den beiden gefällt dir. Der ist dir sehr ähnlich. Ja, das weißt du und findest es… spannend.“
Lucien drehte sich ruckartig um. Zum ersten Mal, seit ziemlich langer Zeit, waren seine hellen, schönen Augen wütend verengt. Ohne ein Wort zu sagen, drehte er sich wieder um und ging schneller auf die Türen zu. Er drückte sich an einem älteren Ehepaar vorbei, entschuldigte sich knapp und huschte weiter. Dahinten waren sie noch!
„Felice! Felice, warte kurz, bitte!“
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geschrieben am: 25.04.2005 um 22:41 Uhr
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Wie umständlich es war, mit einem kranken Kind zu reisen, bemerkte er jetzt erst recht. Vico schaffte es kaum zu stehen und somit hatte Felice den Burschen mehr Schlecht als Recht auf seinen Rücken genommen. Wo der Koffer abgeblieben ist, wusste keiner, aber den hatte er absichtlich zurück gelassen – irgendwo in einem leeren Abteil. Natürlich waren die Tabletten, sein Handy und ein bisschen Bargeld in seiner Hosentasche, aber alles andere war unnötiger Ballast für ihn gewesen. Seine Gedanken hatten sich nun um den Punkt gedreht, wie schnell sie wieder nach Hause zurückkamen. Es war die blödsinnigste Idee überhaupt gewesen, die er je in seinem Leben beschlossen hatte. Und wieder…, die Stimme. Langsam konnte er sie einem imaginären Bild zuweisen, was sich sofort in seinem Kopf bildete. Er warf einen kurzen Blick zurück, sodass Lucien bemerken sollte, dass Felice ihn bemerkt hatte. Die Reaktion war doch eine andere: Er huschte plötzlich nach links ab. Ein weiteres, leeres Abteil. Dort legte er Vico wieder zurecht und strich ihm sanft über die schwarzen Haare. Diese Strapazen! Für Nichts und wieder Nichts.
„Schlaf noch etwas…, ich bin ganz in der Nähe.“
Mit einem verzeihenden Zwinkern wendete er sich ab und ging wieder langsam aus dem Abteil. Damit es Vico auch ruhig hatte, schloss er die Glasschiebetüre hinter sich. Nochmals wurde ein Blick in das Abteil geworden, um sicher zu gehen, dass Vico auch schön liegen blieb – was er auch tat – bevor er den Weg zurück sah, den er gekommen war, um auf Lucien zu warten. Er wusste nicht, was er denn nun von ihm wollte, aber da die ganze Sache geregelt war, hatte er auch nichts mehr zu befürchten. Nur noch ein paar Sekunden, danach würde er jene seltsame Hotelbekanntschaft nie wieder sehen. Ja, niemals mehr wieder… . |
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geschrieben am: 25.04.2005 um 23:33 Uhr
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Felice verschwand in einem Abteil. Was hatte er nur vor? Als er ohne Vico in den Gang kam, war auch Lucien die Situation klar. Er schob sich weiter durch den Gang, bis er schließlich etwa einen Meter vor Felice zum Stehen kam. Seine Bergseeaugen sahen in das Gesicht des jungen Menschen. Die dunklen Augen, die schwarzen Haare und der kalte Blick. Er hätte ihn vermutlich schon jetzt unter einigen anderen wieder erkannt. Ruhig steckte er seine beiden Hände in seine Hosentasche und lehnte sich zur Stütze gegen die Zugwand.
„Felice, entschuldige. Ich habe mich wahrscheinlich seit wir uns das erste Mal gesehen haben, benommen, wie ein Hinterwäldler. Ich will nicht viel drum herum reden. Überleg dir noch mal, ob du wirklich gehen möchtest. Ich würde euch beide, dich und Vico, mit nach Frankreich nehmen, wenn das hier vorbei ist. Da könntet ihr malen und schreiben so viel ihr wollt. Wenn ihr möchtet, hole ich auch eure Mutter. Bitte, denk noch mal darüber nach.“
Trotz des Wortlauts klang diese kleine Bitte nicht flehend, oder gar bettelnd, es klang wirklich, wie eine einfach Bitte.
„Ich finde, ihr habt es nicht verdient abgeschoben zu werden, oder mit jemandem, wie eurem Vater zusammenzuleben.“
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geschrieben am: 25.04.2005 um 23:55 Uhr
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Felice hatte sich die Reden des anderen ruhig angehört. Mit einem leisen Seufzen senkte er den Blick, ehe sich dieser wieder mit einem müden Lächeln hob. Er war in seiner Verfassung nicht in der Lage, auszurasten, und ehrlich gesagt wollte er es auch gerade nicht.
Schön, dann die Wahrheit, ja? Die Wahrheit…, gegenüber dir – einem Fremden – und später auch Vico. Irgendwann, aber zuerst du, da ich dich sowieso nicht mehr wieder sehen werde.
„Ich werde sterben.“
Sagte er ganz nüchtern, als wäre es so normal, wie eine Grippe. Aber…, er war zu jung, um es als eine Normalität zu bezeichnen.
„Ich möchte Vico zurück nach Hause bringen, da es totaler Quatsch ist, was ich hier veranstalte. Ich weiß nicht genau, wie viel Zeit mir noch bleibt – und…, ich möchte ihn nicht ohne eine Mutter, ohne eine Bezugsperson in einem wildfremden Land zurücklassen. Das…, ist Wahnsinn.“
Genau, wie er es die ganze Zeit bezeichnet hatte. Seufzend strich er sich das offene, schulterlange Haar zurück und lenkte sich kurz über die Lippen, bevor die Schultern ruckten.
„Jetzt wirst du das Gedicht vielleicht ein Stück mehr verstehen. Und abgeschoben werden wir schon nicht, ich werde einen anderen Weg finden, aber…, ich muss jetzt nicht an mich denken.“
Das habe ich sowieso nicht nie getan. Andere Leute hatten in meinem Leben immer eine größere Rolle gespielt, als ich selbst. Ich bin kein Egoist, ich bin auch nicht kalt und herzlos, auch wenn ich so wirke. Nein, ich bin eigentlich ein Mensch, mit dem man gut umgehen kann. Aber nicht, wenn man sich auf so eine unnatürliche Weise kennen lernt, nein, dann eher nicht.
„So. Jetzt weißt du es. Auf wieder sehen.“
Mit einem sachten Kopfschütteln wollte er sich in das neue Abteil zurückziehen. Eine Zigarette fand er nebenbei nun auch ganz toll…, schade, er hatte keine Packung dabei. |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 26.04.2005 um 13:16 Uhr
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Das ist es alsoÂ…
Ich hätte nicht gedacht, dass das der Grund für dein seltsames Verhalten ist. Aber ich verstehe das. Es muss schrecklich sein zu wissen, dass man nicht mehr lange unter denen ist, die man liebt; keine eigene Familie gründen kann; nie seine Enkelkinder sehen wird. Ja, es ist schrecklich. Aber du denkst, wie sie alle. Du glaubst nicht, dass es einen Weg aus deiner, nun ja, misslichen Lage gibt.
Als Felice in das Abteil gehen wollte, wurde er von Lucien zurückgehalten. Der Franzose hatte seine Hand auf die Schulter des Dichters gelegt. Sie war kühl und der Griff ungewöhnlich stark, aber nicht schmerzend. Mit sanfter Gewalt versuchte er den Jungen umzudrehen.
„Felice…“ Seine Stimme hatte diesen weichen Klang, der aus dem Französischen übriggeblieben war, noch nicht verloren, brach jetzt aber stärker hervor. Eine seltsam-schöne Mischung; temperamentvolles Italienisch mit der Weichheit der französischen Sprache. Lucien sprach so leise, dass das Rattern des einfahrenden Zuges seine Wörter fest verschluckte, aber laut genug, dass sie Felice Ohr erreichten.
„…willst du weiter leben?“
Eine seltsame Frage, nicht wahr? Die blauen Augen suchten den Blick des Italieners. Ja, willst du leben? Willst du fühlen, was es heißt dem Tod noch einmal zu entgehen?
Rasmus betrachtete diese kleine Szene aus einiger Entfernung. LucienÂ… du bist ein verdammter Idiot!
Und ich auchÂ…
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geschrieben am: 26.04.2005 um 18:44 Uhr
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Und wie schrecklich es war…, und wie – verdammt noch mal – schrecklich es war! Felice hatte noch nicht mit dem Leben abgeschlossen, es gab noch soviel, was er erleben wollte und es gab noch so viel, worauf er Fragen hatte. Doch der bösartige Tumor in seinem Kopf, den die Ärzte vor zwei Monaten diagnostiziert hatten, ließ dies nicht zu. Sicher, es gab heute diverse Möglichkeiten, sich dem Feind zu stellen, aber Felice glaubte nicht daran. Ehrlich gesagt hatten sie ihm auch keine 100%tige Chance gegeben, jemals wieder gesund zu werden. Sie meinten, dass es so für ihn besser wäre, anstatt sich mit der Chemotherapie herumzuschlagen. Doch…, er wollte kein Mitleid, nein. Es war sein Schicksal gewesen, das er zwar verdrängte und nicht akzeptierte, aber es ausleben musste – ob er wollte, oder nicht.
Als er zurückgehalten wurde, hielt er für einen Augenblick die Luft an, gab aber dem Drängen nach und lenkte den Blick zurück zu Lucien. Die Frage war wirklich seltsam, dazu noch eine der rhetorischen Art. Was denkst du denn, wird meine Antwort sein? Vielleicht ein nein? Dann irrst du dich.
„Natürlich möchte ich das – wer will es nicht? Jedoch gibt es keine Hoffnung für mich. Die heutige Medizin ist noch nicht in der Lage, alle Krebskranke zu retten.“
Mit einer bestimmenden Handbewegung versuchte er die Hand des Franzosen von seiner Schulter zu streichen. Die andere, freie Hand wurde dazu benutzt, um sich wieder irgendwo festzuhalten. Also, für die stattlichen Preise hätten sie ruhig ein paar Griffhalter einbauen können… .
Wie auch immer. Felice zog die Schultern sanft hinauf.
„Was ich möchte, zählt jetzt jedoch nicht. Ich muss mich um Vico kümmern und ihn nach Hause bringen. Er ist wichtiger… .“
Viel wichtiger. Für mich gibt es keine Chance mehr, also nutze ich meine verbliebene Zeit für die, die ich liebe und mag. Geändert am 26.04.2005 um 18:47 Uhr von FeliceFoscari |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 26.04.2005 um 20:10 Uhr
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Rasmus kannte Lucien nun lange genug um zu wissen, dass er, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, es auch erreichen würde, koste es, was es wolle. Er hieß es nicht gut, nein, er hatte noch nicht einmal Verständnis dafür, aber er akzeptierte es, weil Lucien sein Freund war, und Freunde hielten zusammen, egal was passiert, oder?
Lucien nahm seine Hand von Felice Schulter. Seine tiefen, blauen Augen sahen fest in die des Italieners. Plötzlich machte er einen Schritt nach vorn und nur noch wenige Zentimeter trennten sein Gesicht von dem des Jungen. Er sprach leise und deutlich, dicht am Ohr des Dichters, den Blick an ihm vorbei in das Abteil gerichtet.
„Die Medizin vielleicht nicht, aber es gibt einen anderen Weg jenseits der Vorstellung. Einen Weg, der es dir ermöglicht weiter zu leben, ohne Schmerzen, der es dir erlaubt zu sehen, wie Vico groß wird und eine Familie gründet, einen Weg, der dich dem Tod entreißt. Willst du diesen Weg gehen, Felice? Willst du der Natur trotzen?“
Rasmus war stehen geblieben. Es wunderte ihn nicht, als er sah, dass sein Freund dem Jungen etwas ins Ohr flüsterte. Er war nur auf die Reaktion und später auf Luciens Erklärung gespannt. Was besprachen sie da gerade?
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geschrieben am: 26.04.2005 um 20:35 Uhr
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Als Lucien ihm näher kam, schien ihm das nicht wirklich geheuer zu sein, jedoch ließ er dieses Gefühl tief in sich. Sanft drückte sich der Rücken des Italieners gegen die gläserne Schiebetür. Er lauschte den Worten des anderen und zog dabei sanft die feinen Brauen zusammen.
Was…, redet er denn da? Dieser Mensch scheint völlig durchgedreht zu sein. Selbst jetzt hört er nicht auf, mit mir ein Spiel zu spielen…, aber so nicht!
Für Rasmus sollte es absehbar gewesen sein, aber wohl weniger für Lucien. Felice packte diesem ruppig an den Schultern und schleuderte ihn regelrecht auf die gegenüberliegende Wand. Das alles kam so plötzlich, so unberechenbar, dass Lucien wahrscheinlich kaum eine gute Reaktion hätte abgeben können, die dies verhinderte. Wut spiegelten die tiefbraunen Augen wieder und Wut verkündeten auch seine Worte.
„Kannst du nicht damit aufhören? Mach dich nicht lustig über mich, okay? Das ist nicht witzig! Hör auf, mir Salz in die Wunde zu streuen, bevor ich dich auf der Stelle – und noch vor mir – zum Teufel schicke! Ich warne dich… - wenn ich will, kann ich mich vergessen!“
Und was hätte ich schon großartig zu verlieren? Mein Leben hat eine andere Macht in die Hand genommen, da kannst du es mir nur verkürzen.
Langsam ließ er wieder von dem Franzosen ab und biss sich auf die Unterlippe. Ruhig, Felice! Du lässt dich schon wieder aus der Ruhe bringen und das nur, wegen diesen kindischen Frechheiten. Der hat doch keine Ahnung, dieser Bursche… .
„Geh endlich, hörst du? Seit wir uns begegnet sind regst du mich nur auf! Du kannst mir nicht helfen, erst recht nicht, mit diesen bescheuerten Mutmaßungen!“
Er machte eine abwinkende Handbewegung, ehe er sich flüssige – trotz seiner Wut – umdrehte. Ein kurzer Blick in das Abteil sagte ihm, dass Vico noch schlief. Verdammt, wann hält dieser scheiß Zug endlich? |
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geschrieben am: 26.04.2005 um 20:59 Uhr
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Lucien wurde tatsächlich vor die Zugwand geschleudert und ließ den Felice Wutausbruch über sich ergehen ohne auch nur das Gesicht zu verziehen. Erst als sich der Italiener umdrehte um einen erneuten Versuch zu wagen in das Abteil zu gehen, bewegte er sich wieder. Erneut machte er Felice Versuch zu Nichte, aber diesmal dadurch, dass er ihn plötzlich von hinten in seine Arme zog. Er war etwas kleiner, als der Italiener, aber unheimlich kräftig, zu kräftig für seine Statur.
„Ich mache keine Witze über dich, Felice. Das würde ich nie tun. Sieh mich an!“
Hauchte seine schöne Stimme befehlend in das Ohr des Italieners. Seine Mundwinkel hoben sich und für einen winzigen Moment konnte man weiße Reißzähne sehen, die für einen Menschen zu spitz waren.
„Es gibt mehr auf dieser Welt, als du dir vielleicht vorstellen kannst. Kreaturen die durch deine Alpträume streifen und dir im Kino begegnen sind manchmal reeller, als du glaubst. Menschen sind nicht die Einzigen, die Welt bevölkern. Wesen, die mehr Macht haben, als der Tod. Urteile nicht vorschnell, junger Mensch!“
Was klang das seltsam! Lucien, der noch nicht einmal, wie ein Erwachsener aussah, bezeichnete Felice, als jung.
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geschrieben am: 26.04.2005 um 21:23 Uhr
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Felice gefiel es ganz und gar nicht, als Lucien ihn so an sich zog. Er legte seine Hände auf die des anderen und versuchte sie von sich zu drücken. Was hatte der Kerl nur für eine unnatürliche Kraft? Er war sicher um einiges Älter und kam absolut nicht dagegen an! Gott…, hier stimmt doch irgendwas nicht!
Dann sollte er seine Aufmerksamkeit wieder zu Lucien lenken, was er auch tat. Diese ungewöhnlich angespitzten Zähne – und dazu noch seine Wörter – ließen ihn schlucken. Sicher würde der andere, der ihn so fest ihn den Armen hatte, bemerken, wie sein Puls stieg. Na ja, man wurde eben nicht jeden Tag mit solch unnatürlichen Dingen konfrontiert, und dann auch nicht über Tage hinweg. Er hörte wieder seinen dumpfen Herzschlag in den Ohren und er merkte, dass er nervös wurde. War das eben Einbildung gewesen? Nein, nein das kann nicht sein, da sprechen zu viele Details dagegen. Dieses Wissen um ihn und sein Leben, diese immense Kraft…, Himmel!
„Gott verdammt, lass mich los!“
Rief er dann halb panisch aus, da er keine Lust hatte, in den Armen einer wandelnden Leiche zu liegen.
„Ich hab doch schon vom ersten Augenblick an gewusst, dass mit dir etwas nicht stimmt! Was, was willst du von mir?“
Ja, was? Du hängst an mir, als wäre ich deine nächste Mahlzeit. Haha, das kannst du dir schön abschminken! Ich will nicht so ein Monster werden, wie du es bist! Nein…, da sterbe ich lieber am Ende, und dann, für immer. |
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geschrieben am: 26.04.2005 um 22:04 Uhr
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„Scht… ich werde dir nichts tun vorausgesetzt du bist jetzt still. Ich möchte dir helfen, Felice! Komm mit mir und ich verspreche dir, dass ich dich heilen werde. Es gibt sicher einen Weg.“
Die nächsten Worte waren kalt und kalkulierend, aber auch ein bisschen melancholisch angehaucht.
„Wenn du dich dagegen entscheidest, werde ich dich töten müssen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, bei uns… Kindern der Nacht. Entscheide dich!“
Drohend legten sich seine harten, kühlen Lippen an Felice Hals. Das Blut, das durch die Halsschlagader gepumpt wurde, lockte ihn verführerisch. Ein einziger Biss…
Rasmus drängte sich durch die Menge der Aussteigenden. War Lucien jetzt völlig durchgedreht?!
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geschrieben am: 26.04.2005 um 22:18 Uhr
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Der Zug hatte angehalten. Erstarrt hefteten sich seine Augen auf den Bahnsteig und den paar Leuten, die hier – in LeHavre – ausstiegen. Es war alles hell erleuchtete gewesen, sodass er einen mehr als guten Blick auf die Welt da draußen hatte. Langsam aber kehrte er zurück in seine jetzige Situation, und die kühle Bedrohung, die an seinem Hals klebte. Er wendete den Kopf zwar ab, konnte sich aber nicht gänzlich von ihm entfernen, dennoch, dieses kleine bisschen half ihm.
„Du bedrohst mich… .“
Stellte er in einem leisen, unruhigem Ton fest.
„Und du erpresst mich… .“
Ich könnte dich in den Knast dafür bringen, aber…, ich scheine ja keine andere Wahl zu haben, als die eine.
„Schon gut, ich werde dich wie vereinbart begleiten. Aber bitte, bitte lass mich los.“
Ich kann nicht mehr. Diese ganzen Umstände machen mich fertig, diese Tabletten machen mich fertig, diese Müdigkeit macht mich fertig, der Mangel nach Nikotin macht mich fertig und die aufkommende Übelkeit. |
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geschrieben am: 26.04.2005 um 22:37 Uhr
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„Nein, ich erpresse dich nicht. Ich stehe dir beratend zur Seite.“ Seine Arme lösten sich von dem Italiener und strichen ihm kurz über den Rücken.
„Hab keine Angst vor mir. Ich werde dir und deinem Bruder nichts tun. Wenn ich meinen Auftrag erfüllt habe, fahren wir gemeinsam zu eurer Familie. Jetzt geh zu Vico. Wir müssen hier aussteigen.“
Lucien wandte sich von Felice ab und ging die wenigen Stufen aus dem Zug hinaus. Gerade, als er zwei Schritte auf dem Bahnsteig gemacht hatte, wurde er herum gerissen.
„Lucien, sag mal, tickst du jetzt völlig durch?! Du kannst den Jungen nicht einfach küssen!“
„Ich hab ihn nicht geküsst, Rasmus. Ganz ruhig.“
„Du hast doch nicht etwa…?“
RasmusÂ’ Augen weiteten sich, als Lucien nicht antwortete und seine Stimme bekam einen resignierenden Unterton.
„Du hast… Sag mal, was bildest du dir eigentlich ein? Felice hat noch sein ganzes Leben vor sich.“
„Ja, ein Jahr oder weniger ist ein sehr langes Leben.“
„Was?“
„Er hat Krebs. Und jetzt sag mir nicht, was ich zu tun habe!“
Lucien ging zu einer Bank hinüber und ließ sich auf ihr nieder.
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geschrieben am: 26.04.2005 um 22:56 Uhr
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Als er endlich losgelassen wurde, atmete er tief ein und aus, und dies mehrmals hintereinander. Die Hände fanden Halt an der gläsernen Schiebetür und der Blick folgte müde dem Franzosen. Nun sollte er sich aber dann auch wirklich beeilen und diesem, diesem…, Vampir?, folgen.
Die Tür zum Abteil wurde aufgezogen und er schüttelte an Vicos Schulter, da er gerade körperlich nicht mehr in der Verfassung war, ihn zu tragen.
„Entschuldige, Kleiner. Ein letztes Mal noch, dann kannst du weiter schlafen.“
Wisperte er vorsichtig. Murrend bewegte sich Vico und stand langsam auf, wobei er tatkräftige Unterstützung von Felice bekam. Kurz bevor ein Pfiff über den Bahnsteig geschickt wurde, kamen die zwei übrigen Jungs aus dem Zug. Sekunden nach ihrem Ausstieg schlossen sich die Türen automatisch und der Italiener warf einen Blick zurück. Das war knapp gewesen… .
„Komm, Vico.“
Er sah sich kurz um, und als er die zwei anderen ausmachte, drückte er den Kleinen sanft ihn ihre Richtung. Er war schrecklich blass und jede Bewegung ließ ihn fast straucheln, bis…, ja bis er einfach zusammenklappte. Die ganze Situation in den letzten Tagen, diese riesige Aufregung um Personen die er nicht mochte und Personen, die er liebte, waren zuviel für den kranken Menschen gewesen. Kein Wunder, dass er sich die letzten Meter noch zusammengerissen hatte, bevor er mit gutem Gewissen – sozusagen – ihn Ohnmacht fallen konnte. |
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geschrieben am: 27.04.2005 um 20:10 Uhr
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Mit ruhigen, blauen Augen beobachtete Lucien, dass Rasmus sich neben ihn setzte. Manchmal wünschte er sich, dass der Italiener nicht so hoch in seiner Gunst stehen würde. Das letzt bisschen Menschlichkeit, das er sich bewahrt hatte, kam in seiner Gegenwart deutlich hervor.
Er überschlug seine Beine und lächelte seinem Freund zu. Wenn man ihn so ansah, konnte man sich nur schwer vorstellen, dass der zarte Jugendliche ein Monster sein sollte, dass sich von menschlichem Blut ernährte. Rasmus legte ihm einen Arm um die Schulter und Lucien lehnte seinen Kopf an dessen Hals.
„Ich weiß trotzdem nicht, ob es eine so gute Idee ist ihn und seinen Bruder jetzt mitzunehmen. Weißt du, was das für Probleme geben kann? Vico ist ein kleiner Junge und bei Felice bin ich mir nicht sicher, ob er schon erwachsen ist. Das kann nur Schwierigkeiten bedeuten.“ Der Italiener sah seinen Freund an und für ihn war es selbstverständlich einzusehen, dass er Recht hatte.
LeHavre war eine Industriestadt. Niemals wurde es hier gänzlich still und auch zu so später Stunde fuhren Züge fast im Minutentakt ein oder aus. Frauenschuhe klackerten auf den dreckigen, kaugummigesprenkelten Gehsteinen und der Duft von frischen Crêpes und Brötchen vermischte sich mit dem Gestank von Bremsflüssigkeit und Urin. Ein Bahnhof schlief nie. Luciens harte Lippen verließ eine leises Seufzen, als er den Kopf hob.
„Aber du kennst doch die Alternative. Er kennt mein Geheimnis und du weißt, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, sicherzustellen, dass er es nicht verrät. Entweder, er kommt mit uns, oder ich bringe ihn um.“
„Was hält dich davon ab ihn kalt zu machen? Sonst bist du auch nicht so zimperlich. Jetzt versteh mich bloß nicht falsch: Ich will nicht, dass du das machst. Vico braucht seinen Bruder noch und ich glaube, dass Felice eigentlich ganz nett ist. Aber trotzdem: Wieso?“
„Du hast dir die Antwort gerade selber gegeben. Ich werde ihn nicht töten und damit basta! Guck, da kommen die beiden.“
Lucien bewegte seine Schultern, als müsste er seine Muskeln entspannen und schaute den italienischen Brüdern entgegen. Der Ältere bewegte sich nicht gerade flüssig. Auf einmal sprang der Franzose auf.
„Felice!“
Ein Raunen war durch die Menge der Bahnreisenden gegangen, als er einfach zusammenklappte.
Der junge Franzose rannte los. Es waren nur etwa zehn Meter, die ihn von dem Italiener trennten, aber als er ihn erreichte, kniete schon eine Geschäftsfrau bei ihm und hob seinen Kopf in ihren Schoß. Lucien lächelte.
„Schon gut, Madame. Er ist mein Bruder. Wahrscheinlich hat er im Zug einfach zu viel getrunken und das nicht vertragen. Lassen sie mich das machen.“Er schob seine schlanken Arme unter Felice Körper und hob ihn auf seine Arme.
Auch Rasmus hatte sofort reagiert. Kurz nachdem Lucien aufgesprungen war um Felice zu helfen, hatte er den kleinen Vico erreicht, den er an seine Hand nahm.
„Keine Sorge.“ Wisperte der Italiener und legte seinen Zeigefinger auf Vicos Lippen. „Das mit deinem Bruder kriegen wir schon wieder hin.“
In dieser Zeit hatte Lucien die Geschäftsfrau abgewimmelt und trug Felice zu der Bank, auf der er vorhin noch gesessen hatte. Er legte ihn darauf und den Kopf des Italieners auf seine Beine. Sind das Auswirkungen deiner Krankheit?
Seine weißen, kühlen Finger strichen Felice die schwarzen Haare aus dem Gesicht.
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geschrieben am: 27.04.2005 um 20:50 Uhr
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Da war esÂ…, irgendwo mit seinen Sinnen wahrgenommen. Das dumpfe Schlagen seines Herzens: Dudumm, dudumm, dudummÂ… .
„Du, Felice? Machst du mit mir mal eine Weltreise?“
„Eine Weltreise? Haha, Vico, wie kommst du denn da drauf?!“
„Na, ein Maler kann doch nur gute Bilder malen, wenn er alles einmal selbst gesehen hat! Das ist doch fast so, wie die Schreiber. Du sammelst auch erst deine Erfahrungen, bevor du über bestimmte Dinge schreiben kannst!“
„Vico, du redest mir viel zu geschult… .“
„Aber sag doch mal, Felice!“
„Hm… . Okay. Wir werden jeden Winkel dieser Welt bereisen und in Wort und Bild fassen, bevor wir sterben werden. Einverstanden?“
„Ja, einverstanden!“
Vico…, wirst du mir böse sein, wenn ich mein Versprechen nicht mehr halten kann? Wenn verschiedene Mächte um meine Gunst buhlen und mir ein Schicksal vorschreiben, was ich selbst niemals wählen kann? Würdest du mir jemals verzeihen können, mit deinem ehrlichen Kinderherz? Würde ich dich betrügen, wenn ich die Welt ohne ein einziges Wort verlasse?
So leerÂ…, so schwarzÂ… .
„Was, was hat denn Felice?“
Der Kleine Italiener ließ sich nicht ganz zum Schweigen bringen, da er sich, auf eine ganz natürlichen Art und Weise, um seinen Bruder sorgte. Er versuchte, näher zu Lucien und Felice zu kommen, auch wenn er von Rasmus halb aufgehalten wurde. Die aufdringlichen Blicke der Menge schien von den Betroffenen niemand mitzubekommen, und am Wenigsten das Opfer, welches einfach körperlich bedingt zusammengeklappt war.
Felice, der junge Italiener, hatte es mehrere Minuten lang nicht vorgehabt, wieder eine lebendige Person spielen zu wollen. In dieser Zeit war Vico in kleine Tränen ausgebrochen, da er dachte, dass er tot wäre.
Irgendwann aber regte sich wieder leben im Leib des Italieners. Ein gar tonloses Keuchen huschte über seine geschwungenen Lippen und er kniff die Augen sanft zu. Er bewegte die rechte Hand, die Halt an seinem Kopf fand. Als die Sinne wacher wurden, redete er sich ein, einen verdammt miesen Traum gehabt zu haben. Ja, ein Traum! Über Vampire und all der Mist… .
Die neue Durchsage auf dieser Bahnstation ließ ihn jedoch stutzen. Zögerlich verließ die Hand seinen Kopf und langsam hoben sich seine Lider. Zuerst verschwommen, dann immer klarer, blickte er hinauf zu Lucien. Mit einem merklichen Zucken katapultierte er sich zurück in die Realität und war dem nicht erfreut. In weniger als ein paar Millisekunden saß er aufrecht neben Lucien. Er räusperte sich und richtete die schwarzen Haare zurecht. Was war eigentlich passiert?
Irgendwo bei Rasmus führte ein kleiner Junge halbe Freudentänze auf. |
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