| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 27.04.2005 um 21:11 Uhr
|
|
„Dein Bruder ist bestimmt nur ein bisschen krank. Das wird wieder, keine Angst.“ Rasmus drückte zärtlich die Hand des Jungen neben ihm. Nein, die Wahrheit kann ich dir nicht sagen, das muss Felice selbst tun.
„Aber weißt du was? Wir beide gehen jetzt nach unten und kaufen dir einen riesigen Crêpes mit so viel Nutella, wie da nur drauf passt!“
Aus taktischen Gründen ließ der Italiener den Jungen gar nicht erst antworten, sondern ging mit ihm zu den Treppen. Hier unten war der Zuckergeruch viel stärker. Rasmus schaute sich um. An einer Ecke fand er wirklich einen Crêpesverkäufer in einer traditionellen, französischen Kluft.
„Wir hätten gerne einen Crêpes mit einer Extraportion Nutella!“Es war erstaunlich, wie gut das Französisch des Italieners doch war.
Kurz darauf hatte Vico eine monströse Teigsüßigkeit in seiner Hand und in der anderen Hand Rasmus Finger. Gemütlich gingen sie wieder nach oben.
In der Zeit, in der Felice regungslos in Luciens Armen lag, hatte der Franzose einen Gedanken immer wieder hin und hergewälzt. Es gab eine einfach Möglichkeit den Jungen wieder auf die Beine zu bringen, aber es sprach gegen die Prinzipien des Franzosen. Als Felice dann von alleine seine Augen aufschlug und sich so ruckartig aufsetzte, hatte sich das Problem – zum Glück – in Luft aufgelöst.
„Felice… ich dachte schon du würdest es vorziehen mir unter den Fingern wegzusterben, als auch nur die Chance auf eine Heilung wahrzunehmen. Hast du Tabletten dagegen, oder brauchst du ein Spray, oder Wasser?“
Lucien schaute in das Gesicht des Menschen. Seine harten Lippen hatte er zusammen gepresst.
Gerade als Felice aufgewacht war, kam Rasmus mit dem Jungen die Stufen hinauf.
„Hab ich dir nicht gesagt, dass es deinem Bruder gleich wieder besser geht?!
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 27.04.2005 um 21:39 Uhr
|
|
Der Versuch von Vico war also ein Versuch geblieben, da Rasmus ihn einfach mitgezogen hatte. Voll Sorge kam er nur stolpernd und zögerlich hinterher, aber bei den Treppen musste er seine Aufmerksamkeit vom Bruder nehmen, sonst wäre er auch noch auf die Nase gefallen.
Felice schüttelte leicht seinen Kopf, drückte die Lider nochmals fest zusammen, ehe er sich langsam und tief ausatmend absinken ließ. Ich lebe noch…, wie schön. Nur mühsam fixierten die schönen, braunen Augen den Nebensitzer. Den leblosen Nebensitzer…, ach, so leblos war ja irgendwie doch nicht. Zumindest…, fiel ihm keine Hautfetzen ab, oder so. So geschah etwas, was man nicht erwartet hätte: Er lächelte! Zwar kurz, aber er hatte es getan.
Felice, das ist kein Traum, nein, es ist dein Leben! Und falls irgendwann wirklich eine Biographie – wie Lucien sagte – nach deinem Ableben erfasst wird, hast du mehr zu berichten als all die anderen. Sie werden dich dann zwar als einen armen Irren beschimpfen, doch…, in jeder Illusion steckte doch ein kleiner Kern von Wahrheit, nicht?
„Ich…, ich habe vor unserer Abreise Tabletten geschluckt. Ich kann nicht schon wieder welche nehmen, da mache ich meinen Körper doch noch mehr kaputt.“
Er schüttelte den Kopf und setzte sich wieder ordentlich auf. Nach einiger Zeit ließ er den Blick umher schweifen und beobachtete die Leute, von denen welche ihn noch skeptisch musterten, dann aber weiter gingen. Das ist also LeHavre…, nun ja, zwar nur die Bahnstation, aber besser als Nichts! Hatten die auch Zigaretten? Die waren zwar auch nicht besser, als die Tabletten, aber nun sehr notwendig für ihn.
Vico kicherte, als er mit dem dicken Crêpes in seiner Hand mit Rasmus zurück an die Oberfläche kam und seinen Bruder aufrecht sitzend sah. Selbst die Gesundheit des Jungen schien sich wieder gebessert zu haben. Vielleicht verliefen die nächsten Minuten in eine angenehmere Art. Herzlich lächelte Felice dem Burschen zu, welcher sich die letzten Schritte von Rasmus entfernte und so seinem großen Bruder eilte.
„Schau mal, das habe ich bekommen!“
Stolz hielt er ihm die klebrige Süßigkeit vor die Nase. Felice lachte leise auf und strich ihm durch das kurze Haar.
„Hast du auch „Danke.“ gesagt, junger Mann?“
„Äh-hä!“
„Vorbildlich!“
Der Italiener zwinkerte und stand langsam, wenn auch etwas unsicher, auf.
„Warte hier, Vico. Erm, ich gehe mir Zigaretten holen.“
Der erste Satz galt der benannten Person, der zweite an die anderen zur allgemeinen Information. Langsam schob er die Hände in seine Taschen und machte sich auf die Suche. Es sah fast so aus, als sei mit Felice nie etwas gewesen.
Der Kleinste nickte seinem Bruder hinterher und setzte sich neben Lucien auf die Bank, um zu essen. Scheinbar hatten sie den Schock gut überwunden. |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 27.04.2005 um 21:50 Uhr
|
|
Dieses Lächeln… es war Lucien sofort aufgefallen, schließlich war es das erstemal, dass Felice überhaupt eine positive Gemütregung zeigte. Der Franzose nickte, als er hörte, dass der andere keine Tabletten mehr nehmen wollte.
„Bring am besten noch eine Kleinigkeit zu Lesen für Vico mit. Der nächste Fahrabschnitt wird lang. Ach ja, wir fahren in einer halben Stunde los.“
Lucien schaute kurz Felice nach, dann aber richtete er seine Aufmerksamkeit auf Vico der neben ihm saß.
„So viel zu Essen für dich ganz allein. Das kriegst du doch nie auf.“
Er grinste und sah zu Rasmus hinüber, der fragend Felice hinter her sah. Lucien nickte nur und streckte sich aus.
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 27.04.2005 um 22:09 Uhr
|
|
Was gab es denn hier für fragende Blicke? Der junge Mann ging sich doch nur ein paar Zigaretten holen, wo lag das Problem?
Felice hob die Hand, damit Lucien bescheid wusste, dass er verstanden hatte. Zigaretten, was zum Trinken und irgendwas für Vico. Aber der sollte nun wirklich schlafen, schließlich wurde es langsam spät. Vorsichtig ging er die Treppen hinunter, hielt sich dabei am Geländer fest. Ah, seine Beine waren noch weich… .
„Wie, ich schaffe das nicht?“
Vico strich sich Nutella vom Mundwinkel zwischen die Lippen. Die Brauen hatte er gehoben und rümpfte letztendlich die Nase.
„Und ob! Wollen wir wetten, hmhmhmmm?“
Ich wette um die Hose meines Bruders, ich werde sowieso gewinnen! Herausfordernd sah er den Franzosen an und biss demonstrativ ein größeres Stück ab.
Wie außergewöhnlich es doch war, wenn man Vico und Felice vergleichend vor seinem inneren Auge hielt. Kinder schienen nie ein Problem damit zu haben, sich mit fremden, neuen Personen anzufreunden. Ältere dagegen schon. Entweder mussten sie über irgendwelche Schatten springen, oder es klappte von Anfang an. Felice entsprach wohl der ersten Sparte, doch so langsam schien er sich zu öffnen. Langsam, aber immerhin.
Nach ca. 14 Minuten kehrte der Italiener zu den anderen zurück. Er hatte zwei Zeitschriften für Vico gekauft, eine 1,5 l-Flasche eines bekannten Erfrischungsgetränkes geholt und dazu seine Zigaretten + ein Feuerzeug. Er gesellte sich wortlos zu ihnen und reichte Vico die Zeitschriften. Dieser nahm sie entgegen und musterte sie eindringlich. Seinem Alter entsprechend interessierte er sich natürlich auch für irgendwelche Trading Cards und anderem Zeug, die die Welt in den Bann gezogen hatte. Von dem her freute sich Vico.
„Danke, Felice!“
Er lächelte nur und stellte die Flasche zu Boden. Dann kramte er die neue Zigarettenschachtel hervor und öffnete sie langsam. |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 29.04.2005 um 13:51 Uhr
|
|
Was es für fragende Blicke gab? Nun, Rasmus und Lucien dachten wohl beide das selbe, als Felice sich auf Zigarettensuche machte. Vielleicht sollte jemand mitgehen, schließlich war der junge Mensch noch vor ein paar Minuten zusammengebrochen. Lucien hatte aber keine Zeit mehr sich noch Gedanken darum zu machen, als ihn der kleine Vico so dreist um eine Wette bat. Er wusste auch nicht genau, was es war, aber etwas an dem Satz brachte ihm zum Schmunzeln. Vielleicht war es einfach nur die kindliche Offenheit, vielleicht auch einfach nur die Tatsache um das Aufessen eines Crêpes zu wetten.
„In Ordnung, wetten wir. Aber nicht, dass du dir den Magen verdirbst, weil du aus falschem Stolz das ganze Ding isst. Felice hat mir erzählt, dass dir im Zug schlecht gewesen wäre. Also, schön aufpassen, ja?“
Er zwinkerte Vico zu und boxte ihm ganz leicht an die Schulter, als wollte er sagen: Na los, zeig mir was du kannst!
Rasmus hatte Felice derweilen bis zu den Treppen begleitet, war dort aber stehen geblieben. Schließlich wollte er den Jungen nicht beschatten, sondern nur schauen, dass er wohlbehalten wieder bei ihnen ankam. Er schaute auf seine Uhr. Noch hatten sie etwas Zeit. Als er sah, dass Felice wiederkam, ging er mit ruhigem Gewissen wieder zu den anderen beiden zurück. Es war doch verrückt was sie hier machten und das wusste Lucien noch ein bisschen besser, als alle anderen hier. Spätestens, wenn er seinen Auftrag erfüllt hatte, würden sie – und da schloss Rasmus sich mit ein – ziemlichen Ärger bekommen. Na ja, man musste eben machen, was man machen musste und sei es nur um zu einem Freund zu stehen, oder?
Lucien beobachtete, wie Vico sich freute, als sein Bruder ihm die Zeitschrift mitbrachte. Dann schaute er zu Felice auf.
„Wollt ihr für die weitere Reise ein Schlafabteil? Ich bin mir sicher, dass sich da etwas machen lässt.“
Es wäre für euch beide sicher nicht schlecht, wenn ihr euch ausruhen würdet. Vico ist ein bisschen angeschlagen und du, Felice, du so wie so. Also, nimm mein Angebot besser an. Ich weiß wohin das sonst führt.
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 30.04.2005 um 10:56 Uhr
|
|
Vielleicht wusste er es, vielleicht aber auch nicht. Selbst Felice war nicht in der Lage sagen zu können, was ihm die nächsten Minuten bringen. Gute, oder schlechte Stunden, wer wusste das schon?
Vico nickte zu Luciens Satz, er würde aufpassen, sich nicht zu überfressen. Aber es ging ihm schon besser. Wahrscheinlich hatte er auch nur Hunger gehabt, oder es war wirklich nur ein kurzer Anflug von Heimweh gewesen. Mit den Zeitschriften neben sich und dem Crêpe in der Hand, sah er noch mal kurz zu Rasmus und Felice, ehe sein Augenmerk auf Lucien verblieb.
„Ich stimme für ein Schlafabteil.“
Ohne ein ordentliches Bett fühlt man sich doch sowieso nicht gut.
„Ja, warum nicht? Wenn es machbar ist, gern.“
Fügte Felice hinzu, nachdem er einen ordentlichen Zug des blauen Qualms in sich eingeatmet hatte. Blöde Angewohnheiten…, man sollte sie alle abschaffen! Doch gerade diese negativen Angewohnheiten machten das Leben erst lebenswert, nicht wahr? Letztendlich war Felice nicht mehr gewillt noch länger zu stehen, darum setzte er sich auf eine Ecke neben Lucien, damit Rasmus – falls er wollte – den kleinen Platz neben Vico einnehmen konnte.
„Felice, darf ich mal trinken?“
„Ja, sicher doch.“
Der große Bruder reichte die Flasche zu dem Kleinen, die er mitgebracht hatte. Trotz allen Bemühungen konnte man deutlich spüren, dass es Felice neben Lucien nicht ganz wohl ging. Im Hinterkopf jedoch versucht er bei seinem Aspekt, Lucien sei menschlich, zu bleiben. Im Endeffekt sah er ja auch danach aus, nicht wahr? Aber die Realität ist und bleibt eine andere, die er noch nicht ganz verarbeiten konnte. Ihm fielen einfach zu wenige Informationen um Lucien und eventuell auch Rasmus. Ob er sie kriegen würde, war auch wieder eine ganz andere Frage. Interesse hatte er ja schon, das konnte er nicht abstreiten, aber er konnte nicht dazu stehen. Nicht nach der anfänglichen Richtung, die er bei ihrer ersten Begegnung eingeschlagen hatte. Immerhin, eine Frage hatte höchste Priorität, die er einfach aussprechen musste.
Somit linste er leicht zu Lucien hinüber.
„Was machen wir eigentlich in Österreich? Ich…, möchte nicht neugierig sein, aber…, na ja. Nur ein Theaterbesuch kommt mir da doch etwas, hm, wenig vor.“
Für so eine weitere Reise erst allemal.
Vico trank nebenher aus der Flasche und reichte sie herum, falls jemand trinken wollte. Ansonsten aß er gemütlich weiter und lauschte ganz heimlich den Größeren beim Reden. |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 02.05.2005 um 19:48 Uhr
|
|
Die Flasche wurde von Lucien an Rasmus weitergereicht und von ihm wieder zurück zu Felice. Der Italiener zog es ohnehin vor zu stehen und tappte von einem Fuß auf den anderen, wobei immer wieder ein hektischer Blick der Bahnhofsuhr galt. Luciens schöne, blaue Augen verengten sich ein bisschen.
„Sag mal, Rasmus? Kann ich irgendwas für dich tun? Hast du Schmerzen? Musst du zur Toilette?“
Es war deutlich das diese Worte nicht so ernst gemeint waren, wie sie im reinen Wortlaut klingen, denn die Mundwinkel des Franzosen waren etwas gehoben.
„Äh…ähm… nein… ist schon okay.“
Rasmus hatte den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und setzte sich neben Vico. Wirkte er so nervös? Hm, musste wohl so sein… Lucien wandte den Kopf, so dass er Felice ansehen konnte.
Ich mache dir Angst, nicht wahr? Dein ganzes Gesicht wirkt angespannt, deine Lippen sind so schmal, dass man meinen könnte, sie wären nur gemalte Strich.
Der Franzose lächelte sanft.
„Ich muss einen Freund meines Vaters besuchen und einige geschäftliche Dinge mit ihm regeln. Tut mir Leid, dass ich euch beide dabei mitschleppen muss, aber es geht nicht anders. Aus dem Grund können wir die Arbeit auch mit den angenehmen Dingen, wie Theater – oder Opernbesuchen verbinden.“
Er nickte und strich sich das pechschwarze Haar hinter die Ohren. Ah, wenn er nur daran dachte, was er in Österreich zu erledigen hatte, verging ihm die Lust. Es gab so viele, die für diese Arbeit besser geeignet waren, als er, aber Allegro musste sich ja ausgerechnet für ihn – Lucien – entscheiden. Er seufzte und überschlug die Beine.
Es war ein ziemlich moderner Zug, in den sie vor fünf Minuten eingestiegen waren. Lucien konnte sich die Namen dieser modernen Dinger nie merken. Jetzt saß er mit den anderen dreien in einem großen, sehr bequemen Abteil. Die Sitze waren mit rotem Stoff bespannt und rochen ganz neu, zwischen ihnen waren breite Armlehnen, und zwischen den beiden Sitzreihen stand ein stabiler Tisch.
Rasmus hatte eine Hand aufgestützt und sein Kinn daraufgelegt, während er aus dem Fenster schaute.
„Ich hasse Zugfahren…“ Murmelte er und verzog die Lippen, wie ein kleines Kind.
„Leg dich doch in unser Schlafabteil.“
Lucien schaute kurz seinen Freund, dann Felice an.
„Apropos Schlafabteil: Ich werde mal sehen, was sich für euch beide finden lässt. Möchte einer von euch beiden mitkommen?“
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 10.05.2005 um 14:36 Uhr
|
|
Als ihm gesagt wurde – wenn auch nicht genau – was sie, bzw. Lucien, dort zu erledigen hatten, nickte er leicht. Nur schwer wollte die Anspannung, die Nervosität, von seinen Schultern fallen, doch er versuchte diesen Aspekt noch immer in großer Mühe zu überspielen. Auch, als sie endlich in den Zug stiegen, der angekommen war.
Der neue Zug machte einen noch teuren Eindruck auf Felice, als der Zweite. Nachdenklich saß er im Abteil und musterte die Tischplatte, obwohl es da kaum etwas zu mustern gab. Er hoffte, mit dem Geld, was er noch in seiner Hosentasche hatte, auszukommen. Er wollte sich nicht finanzieren lassen, denn irgendwie überstieg dies seinen Stolz allemal. Mit einem Gähnen, was fast jede fünf Minuten aufkam, saß Vico neben seinem Bruder am Fenster und blätterte die Zeitschriften durch, die er bekommen hatte. Es war nicht früher geworden, sondern später. Kein Wunder, dass der Leib vom Kleinen nach Schlaf verlangte, dazu noch mit seinem Fieber. Es war zwar zurückgegangen, aber immer noch vorhanden.
Felice vernahm das Gemurmel von Rasmus und hob dem Kopf an, um ein Lächeln auszuzeigen. Im Gegensatz zu dem weiteren Italiener mochte er das Reisen. Er liebte es, in Züge umzusteigen und je öfter das passiert, desto besser. Andere finden dies schrecklich, aber zu ihm gehört das zum Reisen. Bevor er also etwas auf den Satz erwidern konnte, funkte ihm Lucien dazwischen. So sah er diesen nun aufmerksam an.
„Oh, ja. Ich komme mit, um die Sache zu regeln. Und Vico, um die Sache zu nutzen. Nicht wahr, mein Freund?“
Schmunzelnd gab er dem kleinen einen sanften Klaps auf die Schultern, der nun zu seinem Bruder aufsah und das Gesicht widerwillig verzog.
„Och Mann! Nie darf ich lange aufbleiben… .“
„Doch. Wenn du älter bist, darfst du das!“
Sanft griff er nach Vicos Hand und stand auf. Murrend folgte der Bruder, der sichtlich etwas dagegen hatte, aber sich wohl oder übel beugen musste.
Draußen auf dem Gang warteten die zwei auf Lucien. |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 11.05.2005 um 12:12 Uhr
|
|
Das dieser Zug um einiges teurer war, als der, in dem sie zuvor gereist waren, merkte man an vielen Dingen, unter anderem auch an der Tatsache, dass er viel ruhiger auf den Schienen lag und man nicht bei jeder Kurve die Befürchtung haben musste umzufallen, wenn man sich nicht festhielt.
Als Lucien an den beiden Menschen vorbei ging, lächelte er sanft. Es war ein Lächeln, wie es Mütter ihren Kindern, oder ein Freund einem anderen schenkt. Ein Lächeln, das sagt ’Habt keine Angst. Ich werde nicht zulassen, dass euch etwas passiert.’ Sie folgten dem Gang ungefähr fünfzig Meter, bis sie ein Mann in der typischen Bahnuniform ansprach. Er war klein und rundlich und wirkte mit der Mütze, als sei er gerade aus einem Zeichentrickfilm entsprungen.
„Guten Abend, die Herren!“ Begrüßte er sie in fließendem, charmantem Französisch.
„Guten Abend!“
„Darf ich ihre Tickets sehen?“
„Sehen Sie, guter Mann, genau deswegen bin ich auf der Suche nach Ihnen gewesen. Meine beiden Begleiter würden die Nacht gerne in einem Ihrer lobenswert gut ausgestatteten Schlafabteile verbringen. Leider hatten wir nicht die Möglichkeit vorher zu buchen, weil wir sehr spontan aufgebrochen sind, aber ich denke, dass man da was machen kann, meinen Sie nicht?“
Der Bahnbeamte schüttelte den Kopf, aber Lucien griff in seine Hosentasche und holte eine Zweihundert-Euro-Note heraus, die er ihm in die Brusttasche der Jacke steckte.
„Meinen Sie nicht auch, Monsieur?“
„Oh, doch natürlich. Ich glaube, wir haben noch ein Abteil frei. Wenn Sie bitte einen Moment Geduld haben würden? Dann werde ich schnell nachsehen, was sich machen lässt!“
Der Schaffner verneigte sich sogar leicht, bevor er sich umdrehte und den Gang entlang stolperte. Lucien hingegen zwinkerte Vico zu.
„Sieht ganz so aus, als würdest du gleich ein Bett bekommen, ganz wie dein Bruder es wollte.“
Er streckte die Hand nach dem Haar des Jungen aus und wuschelte darüber, dann lehnte er sich an die ruckende Zugwand und schaute Felice aus seinen blauen Augen an, die für einen Menschen eine Spur zu schön und zu tief waren.
„Wie geht es dir?“
Er fragte es so neutral, wie man fragt, ob jemand etwas zu trinken möchte, aber der Italiener sollte verstehen, auf was die Frage abzielte.
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 11.05.2005 um 19:16 Uhr
|
|
Felice staunte nicht schlecht, als er sah, wie Lucien dem Schaffner einfach mal so 200 € schenkte. Die Verblüffung stand ihm auch noch im Gesicht, als der Bahnangestellte sich umgewendet hatte, um sein Glück zu versuchen, was er sicherlich finden wird, nach diesem Ansporn.
Vico kicherte und ordnete seine kurzen, schwarzen Haare, nachdem Lucien sie verwuschelt hatte. Ein Bett hörte sich langsam in seinen Ohren immer besser an. Er war müde, sah es ja auch irgendwo ein, aber dennoch versuchte man sich der Wahrheit zu widersetzen, nicht wahr? Abwartend erkundete Vico die Gegend. Solche teuren Züge sah er selten, denn meistens waren sie mit ihrem Vater verreist und dann nur mit dem Auto.
Genau dies spürte auch Felice. Vico und er machten zwar sehr oft und sehr viel etwas miteinander, aber Felice musste sich noch nie ganze 24 Stunden um den Kleinen kümmern – und auch nicht über mehrere Tage hinweg. Das zerrte langsam auch noch an seine Kräfte. Er hatte fast alle Hände voll mit sich selbst zu tun, und dann noch ein kleines Kind? Er bürdete sich sehr viel auf, aber er tat es gern.
Als er die Frage von Lucien hörte, stellte er sich auch etwas zur Seite und lenkte seinen Blick auf den, der eine unwirkliche Ausstrahlung auf andere ausübte. Natürlich hatte auch Felice diese schönen, tiefblauen Augen bemerkt, doch er würde es sich nie zugestehen, Gefallen an ihnen gefunden zu haben.
„Es geht schon.“
Flüsterte er leise, die Lippen kaum bewegend. Dazu nickte sein Kopf um die soeben gesprochenen Worte zu bekräftigen. Das es eine Lüge gewesen war, war klar. Doch er konnte nicht ehrlich sein, nicht, wo Vico in der Nähe war. Aber auch aus Stolz gab er es ungern zu, etwas geschafft zu sein. Es gab eben viele Gründe für seine Lügen, doch er stellte sie immer so hin, dass sie als eine Art Notlüge fungierten. Auch wenn es nur eine kleine Einbildung war.
Abwartend sah er wieder in den Gang zurück. Sobald Vico schläft, konnte er sich auch etwas ausruhen. |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 18.05.2005 um 12:04 Uhr
|
|
Das elektrische Licht im Zuggang war für Luciens Augen unangenehm hell. Er blinzelte und schaute auf seine Armbanduhr. Nicht, dass er wissen wollte, wie spät es ist, es war eine simple Geste die ihm half das Monster in ihm, das unter seiner Haut lauerte, wie ein wildes Tier auf der Jagd, zu verbergen. In Wahrheit hielt er nicht viel von diesem neumodischen Schnickschnack, auch wenn er sich besser mit ihm arrangierte, als viele andere seiner Art. Seine blauen Augen folgten dem kleinen Maler, bevor er sich wieder Felice zuwandte.
Oh, so eine schlechte Lüge aus so einem bewanderten Mund?
„Wenn wir in Wien ankommen, werde ich dafür sorgen, dass man dich in einem Krankenhaus behandelt. Du brauchst Schmerzmittel.“
Er richtete sich zu voller Größe auf und streckte seine Arme vom Körper.
Wenig später kam der Bahnbeamte wieder und lächelte den Franzosen so strahlend zu, als hätte er gerade erfahren, dass er eine Million gewonnen hätte.
„Monsieur, ich habe das Abteil für Sie herrichten lassen. Wenn Sie mir bitte folgen wollen?“ Lucien nickte und legte einen Arm um Felice um ihn sanft vor sich her zu schieben.
„Vico, komm. Es geht ins Bett.“
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 18.05.2005 um 12:50 Uhr
|
|
Auch wenn der Zug eine sanfte Fahrtweise hatte, meinte er dennoch ein störendes Gefühl im Kopf zu bemerken. Oder war das etwas anderes, was dort wucherte? Es war schrecklich zu wissen, todkrank zu sein und nichts wirkliches mehr dagegen machen zu können. Würde es Vico nicht geben, würde er jetzt nicht mit ihm irgendwo in der Pampa sein, dann hätte er sich selbst schon ein Ende gesetzt, ganz bestimmt. Nur dafür hatte er jetzt keine Zeit, Gedanken an sein Leben würde er nicht mehr verschwenden, denn zukünftige Planungen würden sehr bald die Unerfüllung finden.
„Ich habe doch Tabletten bei mir. Das geht schon.“
Er klopfte leicht auf seine rechte Hosentasche, wo sich noch anderer Krimskrams befand. Sein Handy, Zigaretten und das letzte Geld, was er noch hatte. Aber es würde ausreichen, vielleicht kam er ja irgendwie an Geld.
Als Lucien seinen Arm um seine Schultern legte, zog er die Schultern kurz zusammen und ließ sich voran drücken. Sie folgten dem Bahnbeamten, der ihnen das versprochene Abteil zuwies. Vico war allen voran gegangen, so denn musste er ihn nicht rufen. Es war ein sehr gutes Abteil, es würde sogar noch für ihn reichen, so geräumig schien es. Lächelnd nickte der Ältere dankend zu dem Beamten und legte eine Hand auf Vicos Schulter.
„Schau, das ruft förmlich nach dir!“
Der Kleine seufzte schwer und setzte sich auf die Bettkante. Prüfend hüpfte er auf und ab und legte sich dann auf den Rücken.
„Na ja, bequem ist es.“
„Gut so!“
Schmunzelnd beugte sich Felice über Vico und strich ihm sanft durch das pechschwarze Haar.
„Möchtest du etwas ausziehen, oder geht das so?“
„Das geht so… .“
Scheinbar schämte sich der Kleine vor Lucien, welcher dann die Schuhe zu Boden fallen ließ und unter die Decke. Gähnend hielt er sich die Hand vor dem Mund. Felice nickte schmunzelnd und deckte den Kleinen ordentlich und sorgsam zu, ehe er ihm nochmals über den Kopf streichelte.
„Wenn es dir später doch zuviel wird, zieh es einfach aus. Und falls etwas sein sollte, sitze ich hinten in unserem Abteil. Ich schaue später noch mal nach dir, okay?“
Prüfend strich seine rechte Hand über die Stirn des jungen Künstlers. Noch immer war sie heiß, aber im Gegensatz zu vorhin schon sichtlich abgekühlt. Er zog sich dann zurück und wartete auf eine Reaktion.
„Hmhm, mache ich. Gute Nacht, Felice und Lucien!“
Der Kleine wendete sich um und Felice zog den ziemlich teuer scheinenden Vorhang zurück, damit er seine Ruhe hatte. Nun wendete er sich zu dem Franzosen um und legte die Hände auf den Rücken.
Erledigt. Geändert am 18.05.2005 um 13:01 Uhr von FeliceFoscari |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 18.05.2005 um 20:59 Uhr
|
|
Als sie das Abteil verlassen hatten, umschlossen Luciens kühle Finger Felice Oberarm um ihn zum stehen bleiben zu bewegen. Seine blauen Augen musterten den jungen Menschen, dieses zerbrechliche Wesen, das versuchte stark zu sein und doch scheitern würde, alleine wegen der Tatsache, dass er ein Mensch war.
„Du solltest dich besser auch hinlegen. Ich weiß nicht, wie lange du schon wach bist, aber für einen Menschen zu lange. Wenn du möchtest, wecke ich dich, bevor die Sonne aufgeht, aber es ist das Beste, wenn du dich entspannst. Dein Zustand ist desolat und bis wir in Wien sind, möchte ich nicht, dass noch etwas passiert. Was deine Tabletten angeht, würde ich mich wohler fühlen, wenn wir den Vorrat später noch aufstocken.“
Er entließ Felice Arm und griff nach der Abteilstür. Es war nicht nur die pure Vorsorge, die Lucien zu diesen Vorsichtsmaßnahmen veranlasste, es war ein ganz praktischer Gedanke. Wenn dem Italiener bei Tag etwas zustoßen würde, dann wäre niemand da, der ihm helfen könnte, von Rasmus abgesehen, den er damit aber nicht belasten wollte, weil er seine Dienste selbst in Anspruch nehmen musste.
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 18.05.2005 um 21:28 Uhr
|
|
Als er wieder von Lucien berührt wurde, hielt er auch an. Die kalten Finger schien er selbst durch den Stoff zu spüren, den er am Leibe trug und seine Haut wärmte. Wie es wohl ist, wenn man in einem leblosen Körper hauste. Ob er sich nach menschlicher Wärme sehnte? Ob er sich überhaupt wohl fühlte, wenn kein Herz in ihm schlug, kein Blut durch seine Adern floss? Er konnte sich das nur schwer vorstellen und ehrlich gesagt wollte er so was nie erleben. Nein, nie.
„Aufstocken? Von mir aus… .“
Er nahm doch schon viel zu viel. Die Dosis hatte er von selbst schon erhöht. Eine erneute Erhöhung der Ration konnte eine potentielle Gefahr für ihn sein, aber wenn Lucien der Meinung war, wollte er sich nicht daran stören. Aber der Gedanke, den der Leblose dabei hegte, war ganz theoretisch falsch – was Felice praktisch erwiesen hatte. Sein Zusammenbruch nach dem Ausstieg aus dem Zug – um hier kurz zu erwähnen. So was kann Felice immer wieder passieren und ganz nah waren die plötzlichen Kopfschmerzen, die er oft hatte. Aber was Lucien nicht wusste, musste ihn auch nicht interessieren, denn der Italiener würde sich hüten etwas darüber zu verlieren. Mit einem sachten nicken wendete er sich wieder ab.
„Ist gut. Ich werde mich hinlegen, aber lasst mich bitte ausschlafen. Es sei denn, wir müssen früh umsteigen, oder so.“
Er wusste es ja nicht, aber im Augenblick war es ihm auch egal. So wendete er sich ab und ging gemächlich den Weg zurück, den sie gekommen waren.
Ja, vielleicht war diese Idee von Grund auf nicht schlecht. Vico war somit nicht allein und er konnte seinem Körper eine Pause gönnen, die er sich verdient hatte. Er wusste, dass er morgen sehr lange schlafen würde. |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 19.05.2005 um 21:53 Uhr
|
|
Die beiden Brüder waren versorgt und Lucien nickte zufrieden. Es ist besser für alle, Felice, wenn du auf deine Gesundheit achtest. Wir wollen uns ja nicht mehr Probleme machen, als wir ohnehin schon haben, nicht wahr?
Als die Nacht sich dem Ende neigte und die Sonne begann den Himmel orange zu färben, wurde die Kabinentür zu dem Abteil der beiden Künstler aufgestoßen. Lucien kniete sich vor das Bett des älteren Bruders und legte einen Zettel auf die Bettdecke. Wenn Felice erwachen würde, würde er lesen können:
Felice,
der Zug hatte eine Panne und wird wahrscheinlich erst am späten Nachmittag weiter fahren. Solltest du oder dein Bruder Hunger oder Durst haben, lasst euch bringen, was ihr wollt. Das Personal weiß Bescheid. Rasmus ist in unserem Abteil.
Lucien.
Dann erhob sich der Franzose, mit dem langen, schwarzen Haar wieder und verließ das Abteil um eine weitere Tür zu öffnen, die er von Innen verschloss. Es gab kein Fenster in diesem Raum, nur ein kleines Klappbett. Taumelnd ließ er sich darauf fallen. Er merkte nur schwach, wie der Raum immer kleiner wurde, bis er in vollkommener Dunkelheit versank.
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 19.05.2005 um 22:26 Uhr
|
|
Die Stunden verstrichen weiter, als Lucien den Zettel bei Felice abgelegt hatte. Felice Körper war so erschöpft gewesen, dass er in einem regelrechten Tiefschlaf lag. Sogar Vico war vor ihm wach gewesen, hatte sich kurz nach seinem Bruder erkundigt und war dann zu Rasmus gegangen, um sich dort die Zeit zu vertreiben, die er sehr anständig und ruhig verbrachte, ohne Rasmus in irgendeiner Weise zu belasten. Außer, als er Hunger und Durst bekam, fragte er bei dem noch fremden Mann nach.
Letztendlich hatte Felice bis zum Nachmittag geschlafen. Diese Menge hatte ihm sehr gut getan und er würde dadurch sicherlich nicht aus dem gewohnten Rhythmus kommen. Er hatte sich zu Rasmus und Vico gesellt, nachdem er den Zettel gelesen hatte. Dort stärkte auch er sich und da sie noch etwas Zeit hatten, beschloss er mit Vico aus dem Zug zu gehen, bis dieser repariert war. Der Kleine brauchte Abwechslung und Felice konnte sie ihm nun wieder ohne große Mühen geben. Wenn Lucien wieder aufgewacht war – oder so ähnlich -, dann würde er ihn fragen, wie er die Schulden am Besten abarbeiten konnte, die sich langsam bei Lucien angesammelt hatten. Er hasste es, von anderen finanziert zu werden, und dann noch so, dass er kaum Einspruch dagegen erheben konnte.
Felice hatte für Vico Stift und Papier besorgt und kam langsam wieder ins Abteil zurück. Ruhig setzte er sich auf seinen Platz und überschlug gekonnt die Beine. Ah, hoffentlich waren sie bald an ihrem Ziel angekommen… . |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 01.06.2005 um 20:02 Uhr
|
|
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis der Zug repariert worden war. Als er die ersten Meter wieder über die Schienen ratterte, war es schon dunkel. Es musste halb elf, oder so ähnlich sein. Trübes Mondlicht fiel durch die Fensterscheiben und vermischte sich mit dem Elektrischen, das von den teuren Lampen abgestrahlt wurde. Rasmus hatte sich entschuldigt. Er war müde geworden und hatte sich zurückgezogen, aber dafür mussten die beiden Brüder nicht lange auf andere Gesellschaft wissen. Keine zehn Minuten später betrat der Franzose das Abteil. Er sah gut aus, hatte rosige Wangen und glänzende Haare und wirkte im Allgemeinen sehr wach.
„Ah, bon soir, mes amis!“
Begrüßte er Vico und Felice, als er die beiden Italiener sah. Selbstsicher, als wäre diese Welt nur für ihn gemacht, setzte er sich auf seinen Platz.
„Seid ihr schon lange allein? Ich hoffe doch nicht. Habt ihr gegessen, und getrunken? Euch ausgeschlafen und entspannt?“
Seine blauen Augen huschten über diese zerbrechlichen, kleinen Menschen. Es war erstaunlich, wie strapazierfähig sie doch waren.
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 01.06.2005 um 20:31 Uhr
|
|
Aber euch die scheinbar nicht vergehen wollende Zeit hatten die Brüder, und wohl auch Rasmus, gut über die Runden gebracht. Vico hatte sich damit beschäftigt entweder im Zug oder draußen herum zu hüpfen und mit den Bahnbeamten zu reden und ihnen interessiert bei der Reparatur zuzusehen, er durfte sogar mal in den Führerwagen. In den Zeiten, wo er im Abteil bei Felice war, hatte er auf dem Block gemalt, den er von seinem Bruder geschenkt bekommen hatte. Darunter war auch ein sehr gutes Portrait von Rasmus, den er dafür natürlich höflich gefragt hatte. Nun aber war diese Energie verbraucht gewesen und somit die Reaktion von Felice verständlich, der wie ein Muttertier neben dem Kleinen wachte.
„Scht…!“
Der rechte, recht schön gebaute, Zeigefinger des Künstlers legte sich auf die Lippen des dazugehörigen Kopfes vom Körper. Dann zogen die Lippen ein Lächelnd und jene Hand, die noch ermahnt hatte, strich wie ausgewechselt ganz zärtlich durch das schwarze Haar des Kindes. Vico schlief, mit einer Decke zugedeckt, schon vor Rasmus. Noch hatte er ihn nicht zu Bett gebracht, denn er wollte sicher gehen, dass er im tiefen Schlaf lag.
„Diese ganzen Fragen… . Das ist sehr ungewöhnlich.“
Gestand er leise, aber auf was dies nun gemünzt war, konnte man nur schlecht erahnen. Oder man hatte ein Gespür dafür. Die Hand zog sich aus dem Haar zurück und legte sich ruhig in Felices Schoß. Nun sah er zu dem Franzosen.
„Wir haben gegessen, getrunken, uns entspannt und gut geschlafen. Danke. – Aber, ich möchte nicht auf Schulden sitzen bleiben… . Von dem her wäre es angebracht, wenn du mir sagen könntest, wie ich eine Gegenleistung erbringen kann.“
Denk bloß nicht, dass es mir passt, aber – wie gesagt – ich sitze nicht gerne auf Schulden, das ist eine einfache moralische Prinzipfrage. Seine tiefbraunen Augen schweiften von Lucien und er zog die Wasserflasche heran, die auf dem Tisch stand, um sie aufzudrehen und sich etwas einzuschenken. Abwartend hielt er jedoch seine indirekte Aufmerksamkeit auf Lucien. Geändert am 01.06.2005 um 20:40 Uhr von FeliceFoscari Geändert am 01.06.2005 um 20:41 Uhr von FeliceFoscari |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 01.06.2005 um 20:48 Uhr
|
|
Wie wunderschön!
Lucien hatte schon immer eine Schwäche für Schönes gehabt, aber dieses Bild schlug beinahe alles, was er gesehen hatte. Wie diese beiden Menschen, diese schwachen Wesen, sich aneinander schmiegen und sich gegenseitig Halt, Schutz und Wärme geben, war ein Wunder der Natur. Jeder der schon einmal etwas von Darwin gehört hatte, kannte es doch, das Überleben des Stärkeren. Bei Menschen war dieses Gesetz außer Kraft getreten.
Lucien lächelte und nickte. Er würde leiser sein.
„Pardon, ich habe vergessen, dass Vico vielleicht Schlaf brauchen könnte.“
Der Franzose strich sich seine Kleidung glatt. Es war erstaunlich wie viel Autorität so ein junger Körper ausstrahlen konnte. Er war vielleicht siebzehn Jahre, aber seine unglaublich blauen Augen waren so voll Wissen und vielleicht sogar Leben, dass man den Anschein nicht los wurde, dass etwas Tieferes, Stärkeres in ihnen wohnte. Leicht weiteten sie sich, als Felice auf die Schulden zu sprechen kam. Seine Lippen, die so perfekt geformt waren, als wären sie von einem Bildhauer aus Stein geschlagen worden, wurden von einem Lächeln umspielt, das sogar ein wenig Amüsement zeigte.
„Du hast keine Schulden bei mir, Felice. Ich habe so viel Geld, dass ich damit die Straßen pflastern könnte. Es freut mich es für einen guten Zweck auszugeben. Hast du Schmerzen?“
Das Thema Geld war für ihn also abgehakt.
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 01.06.2005 um 21:07 Uhr
|
|
„Das klingt mehr als arrogant, Lucien.“
Er ging nicht auf die Frage mit den Schmerzen ein, denn dies war seine persönliche Sache gewesen. Flink schraubte er die Flasche wieder zu und umfasste das Glas mit seinen feingliedrigen Fingern, die jedoch, sicher im Gegensatz des Franzosen, eine zarte Bräunung aufzeigten. Er schien ein sehr aktiver Mensch zu sein, oder war es mal gewesen. Jedoch, es passte alles zu dem Gesamtbild, zu den pechschwarzem Haar und den tiefbraunen Augen, die noch immer in einer verborgenen Ecke Skepsis und Furcht hüteten. Doch er, er war nicht der Mensch, der sich gerne zu tief in die Augen blicken ließ. Nein, er nicht.
„Wenn du schon Straßen mit Geld bepflastern kannst, wieso spendest du es nicht? Ich bin sicher, der Staat fertigt für dich eine Statue an mit einem süßen, kleinen Schild am Sockel.“
Er lachte leise und amüsiert auf, bis das Wasser sein Lachen erstickte, als es kühlend in seinen Rachen floss. Kurz darauf stellte er es wieder ab und sah erneut zu Lucien auf.
„Nebenbei, woher hast du denn so viel Geld? Und wenn es für dich kein großes Wertmittel ist, warum hast du überhaupt so viel bei dir?“
Man merkte, dass Felice noch voll Fragen schien, die er nach und nach – und möglichst verdeckt – auf den Tisch legte. Wer reiste denn auch gern mit einer Person in fremde Länder, von der man so gut wie nichts wusste? Aber…, warum ist er denn jetzt auch wieder sauer auf ihn? Beziehungsweise unfreundlich? Ah, er schwankte, er war labil… . Oder kam es doch auf die Lage an, in der er sich befand? Ja, das würde es eher sein. Das war vielleicht auch so etwas, wie eine gewisse Überlebenstaktik. Hm, genau, so wird es wohl sein.
Selbstsicher lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme vor der schmal gebauten Brust. Na, früher hatte er sicher ein bisschen gesünder gewirkt, aber die Krankheit, sowie die Zigaretten und die Tabletten schlugen eben auf seinen Leib. Egal, er fühlte sich trotzdem wohl, in eine bestimmte Weise. |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 01.06.2005 um 21:36 Uhr
|
|
Ah, mein kleiner, skeptischer Mensch. Wie interessant es ist deine kleinen, unwichtigen Probleme zu hören. Vertrau mir und dir wird nichts Schlechtes widerfahren.
Lucien seufzte leise, aber dann lächelte er schon wieder. Mit einer sehr routinierten Bewegung strich er seine schwarzen Haare hinter seine wohlgeformten Ohren. Das Mondlicht ließ sein Gesicht noch eine Spur blasser wirken, als es wirklich war. Ja, es hatte alles Vor – und Nachteile und einer dieser Nachteile war Blässe. Wie oft hatte man ihn schon in ein Krankenhaus, oder zu einem Arzt bringen wollen? Na ja, man hatte es bereut, man hatte es immer bereut.
Jetzt legte sich Luciens Bergseeaugenpaar auf Felice’ Gesicht. Leicht wurde der Kopf geschüttelt.
„Ja, vielleicht ist es arrogant und vielleicht ist es auch egoistisch, aber das ist nicht dein Problem, denn meine Arroganz lasse ich weder dich, noch deinen Bruder spüren. Mein Geld spenden? Na ja, du spendest ja auch kein Geld für Stubenfliegen, oder? Aber nun lass mich dir eine Frage stellen! Für wie alt hältst du mich? Fünfzehn, sechzehn, vielleicht zwanzig? Nein, nicht ganz. Ich lebe schon viel zu lange und mit der Zeit sammelt sich das Geld. Also mach dir keine Gedanken. Ich kann mir leisten was ich will und das kannst du auch, so lange du bei mir bist! Und jetzt sag mir: Hast du noch Kopfschmerzen?“
Sein Blick war eindringlich, aber nicht bohrend und er hatte nichts von seiner Freundlichkeit verloren. Eigentlich sah er aus, wie ein Junge, der gerade zu einer Statur geworden war, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 01.06.2005 um 21:56 Uhr
|
|
„Ich spende… .“
Entließ er sanft flüsternd, und das war auch bislang alles, was er sagte. Es war zwar nicht viel, was er spenden konnte, aber er tat es und hatte ein sehr gutes Gefühl dabei. Und nun, wo er selbst betroffen war, bemerkte er, wie wichtig es ist wenn dies auch noch mehr Menschen tun würden, aber an der Moralansicht von Fremden wollte er nicht drehen, denn dazu hatte er keine Kraft mehr gehabt. Doch genug mit der Selbsttrauer, er hatte sich geschworen, dies ja nicht anzufangen.
Die Frage blieb somit weiterhin unbeantwortet und er begann Lucien sogar zu ignorieren. Sacht kramte er in seiner Hosentasche und holte die Packung mit seinen Tabletten hervor, die etwas zerknittert war. Er hatte zwar noch keine Schmerzen, doch er befürchtete, dass sie in der Nacht aufkommen könnte und er würde dies ungern erleben wollen. Routiniert drückte er eine weiße, ovale Tablette aus der Sigelpackung und warf sie sich in den Mund. Es dauerte keine fünf Sekunden, da griff er nach seinem Wasser und spülte sie hinunter, und dies nicht mehr so wie früher mit anfänglichen Schwierigkeiten. Man gewöhnte sich eben an einiges.
Als er dies geschaffte hatte und das Glas geleert wieder auf dem Tisch stand, stand er langsam auf und griff mit einem beruhigenden Ton nach Vico, den er auf seine Arme nahm. Er musste ihn nun ins Bett bringen, das würde für den Jüngsten auch ganz gut sein, bevor er Probleme mit dem Nacken bekam oder doch ganz schrecklich krank wurde. |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 01.06.2005 um 22:30 Uhr
|
|
Mit einem süffisanten Lächeln beobachtete Lucien Felice’ Tun. Er konnte verstehen, was der kleine Mensch meinte, er konnte sogar verstehen, dass es ihm wichtig war, aber es war doch sinnlos in etwas zu investieren, was sich nicht rentierte. Kunst war da etwas anderes, etwas, was man auf alle Fälle erhalten musste. Na ja, aber das war eine andere Geschichte. Ohne wirkliches Interesse beobachtete Lucien, wie Felice seine Tabletten nahm. Wie lange ein Körper so etwas wohl aushielt? Vielleicht würde er es erfahren.
„Ich habe dich gekränkt mit dem, was ich gesagt habe.“
Stellte der Franzose locker fest.
„Gut, dann weiß ich wenigstens was dir wichtig ist. Ich werde Rücksicht darauf nehmen. Brauchst du noch irgendetwas, bevor wir in Wien ankommen? Das sollte in etwa anderthalb Stunden sein. Wien ist wirklich prächtig. Ein herrliche Stadt!“
|
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 01.06.2005 um 22:46 Uhr
|
|
Es war mehr als gut möglich, dass Lucien erleben konnte, was geschieht, wenn Felice weiterhin diese ganzen Giftstoffe seinem Körper zuführten, die aber auch auf eine groteske Weise das war, was ihm am Leben halten sollte. Ist es nicht schrecklich? Früher, wo er noch gesund und bei Kräften war, hatte er sich immer gescheut Tabletten zu nehmen, wenn er etwas gehabt hatte. Denn diese verdammten Beipackzettel hatten ihm schon gereicht, nur, wenn er sie in der Packung liegen gesehen hatte. Und nun? Ja, nun ist alles anderes geworden. Andere Zeiten fordern eben andere Umstände, um wenn man will, gewöhnt man sich wirklich an alles. Es war eine reine Übungssache, die jeden Menschen irgendwann ereilen wird, egal, in welcher Form.
Doch Schluss mit den Prädigten. Felice, der Vico auf seinen Arm hatte, antwortete Lucien sehr knapp und kühl.
„Nein.“
Es war wirklich nicht viel gewesen, was?
Galant öffnete er die Tür des Abteils und trat auf den Gang hinaus. Kurz sah er sich um, dann ging er weiter. Vielleicht sollte er sich direkt mit ins Bett legen, dann könnte er die Anwesenheit des Fremden meiden… .
Des Fremden…? Ja, ich scheine wirklich etwas in den falschen Hals bekommen zu haben! Es ist amüsant, aber es stört mich auch nicht. Er brauchte ihn nicht, hatte ihn früher nicht gebraucht und dies wird sich nicht ändern. Ach, selber Schuld… .
Seufzend brachte er Vico in die Schlafkabine und sah zu, dass er sanft im Bett landete. |
|
|
|
|
|
|
Top
|
| "Autor" |
|
|
|
|
geschrieben am: 01.06.2005 um 23:03 Uhr
|
|
| Als Felice das Abteil verlassen hatte, machte es sich Lucien etwas gemütlicher, indem er das elektrische Licht ausknipste. Jetzt war es nur noch das silberne Licht das den kleinen Teil des Zuges erhellte. Er fühlte sich sicher und geborgen, aber da war etwas anderes, was ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Die feinwimprigen Lider schlossen sich und der Franzose legte seinen Kopf in den Nacken. Er musste einen Moment überlegen, bevor die Gedanken in seinem unsterblichen Geist etwas geordnet waren. Das, was ihn aufwühlte, waren diese beiden Jungen, diese beiden Menschen und ihre Schicksale. Als er Rasmus von seinem Plan erzählt hatte, war er sich nicht sicher, ob es richtig war, aber langsam schien die Notwendigkeit der Umsetzung immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. Felice war ein verschlossener, kleiner Sturkopf und Lucien war sich sicher, dass es nur Tarnung war. Tarnung für den zerbrechlichen, menschlichen Kern in ihm, für seine hilfsbedürftige, schwache Seele. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen das herauszufinden, aber er würde nicht in die Gedanken des Menschen eindringen. Wenn er etwas erfahren wollte, würde er ihn fragen und da er jetzt nicht da war, würde er warten. Warten, wie es Menschen auch machen würden. Menschen… manchmal vermisste selbst jemand wie er sein menschliches Leben. Kurz presste er heftig die Lippen aufeinander um den Gedanken zu vertreiben! |
|
|
|
|
|
|
Top
|