|
|
|
geschrieben am: 06.05.2006 um 15:03 Uhr
|
|
Eigentlich war er sich sicher, dass seine Freundin ihm einmal mehr irgendwelchen Klatsch aus vampirischen Kreisen antragen wollte. Sein Vater meinte zwar immer, dass er ihr gut zuhören sollte, denn eine so zuverlässige Informationsgequelle, wie sie, würde er kein zweites Mal finden, aber trotzdem langweilte ihn ihr Gerde, die Gerüchte und das Getratsche. Innerlich stellte er sich also auf einen qualvollen Abend ein.
Ein Diener betrat den Raum und brachte eine Karaffe mit einer roten Flüssigkeit hinein, aber Lucien schüttelte nur den Kopf. Er hielt nicht viel davon zu Essen, während er Lucretia gegenüber saß, außerdem fehlte ihm so, die Lust daran, die Extase, die seinen Körper ergriff, wenn er trank. Es war etwas anderes Tiefkühlkost zu bekommen, als einen frisch erlegeten Hirsch zu sich zu nehmen, da würde ihn sicher jeder verstehen.
Seine hellen Bergseeaugen legten sich auf das schöne Gesicht der Unsterblichen, die noch immer ein Lächeln auf ihren Lippen trug.
"Ach, weißt du, Lucien... ich sage es dir ja nicht gerne, aber ich glaube, dass dir deine Vorliebe für die Menschen irgendwann einmal zum Verhängnis wird."
"Lucretia, du wolltest mir eine Geschichte erzählen..."
"Ach ja, richtig! Aber auch sie hat was mit einem Menschen zu tun, genauer gesagt mit deinem kleinen, neuen Spielzeug. Rate doch mal, wo ich es heute gesehen habe."
"Er war die ganze Zeit bei mir. Wo sollte er also sein?"
"Na, bis dahin mag das ja stimmen, aber als ich gerade aus meinem Jagdrevier abgehauen bin, habe ich den Schönen doch tatsächlich in einem Separee mit zwei Mädchen verschwinden sehen. Dieser undankbare Bursche! Da kümmerst du dich so aufopfernd um ihn und er vergnügt sich mit anderen in einem Bordell. Lucien, ich weiß, das muss schrecklich für dich sein, aber..."
Lucien schüttelte nur seinen Kopf und lächelte.
"Wenn auch nur die Hälfte deiner Geschichte stimmt, Lucretia, dann kann ich Felice daraus keinen Vorwurf machen. Er ist nur ein Mensch. Du bist noch nicht so lange tot und solltest dich daran erinnern können, wie man sich fühlt und was man für Bedürfnisse hat. Wenn Felice Frauen will, ist da nichts verwerfliches dran, findest du nicht?"
So ruhig er äußerlich auch war, innerlich bebte er. Felice konnte wer weiß was passieren, wenn er allein auf den Straßen herumschlich. Nun ja, er konnte sich sogar vorstellen, dass er nachher viel zu schwach war um überhaupt zurück zu kehren. Bei Kain, er würde gewiss in Schwierigkeiten geraten. Sobald Lucretia ging, würde er nach ihm sehen. Wenn sein Körper nicht so geschwächt wäre, würde er sich gar keine Sorgen machen, aber so? |
|
|
|
|