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geschrieben am: 28.11.2002 um 17:19 Uhr
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"Nach dem Gesetz, das du selber geschaffen hast, wirst du für schuldig befunden, und mit der Strafe, die du festgelegt hast, sollst du selbst gestraft werden. Tausend Tage bist du mit einer sterblichen Wölfin gegangen. Tausend Jahre musst du nun mit den sterblichen Wölfen laufen und ihr Leid und ihr Elend kennen lernen. Du, der du hättest sehen sollen, wie die Stärke der Menschen zunimmt und die Wildnis verdirbt, du wirst nun diese Qualen ein ganzes Jahrtausend lang erleiden. Du selbst sollst eines der beiden Jungen sein, die von deiner sterblichen Gefährtin geboren werden, und da du die sterbliche Wolfheit ihren Ursprung nicht hast wissen lassen, wirst auch du vergessen, was du einst gewesen bist. Du sollst von gewöhnlichen Wölfen geboren werden, um wie sterbliche Wölfe zu sterben und wieder geboren zu werden, Leben um Leben, ohne zu wissen, was du einst warst. Du sollst Tod um Tod erleiden und in jedem Leben wieder etwas lernen von dem, was ein Wulf wissen sollte. Jedes Mal sollst du etwas wissender wieder geboren werden. Und wie deine Weisheit zunimmt, so soll auch dein Leiden zunehmen. Bis ein Leben für dich kommt, mehr als neunhundertneunzig, sterbliche Jahre von jetzt an, in dem du alles lernen musst, was du aufs Neue in einem Leben gelernt hast, alles erleiden musst, was du erlitten hast, alles verlieren, was du verloren hast, und doch musst du noch immer streben, deinen Kopf zu den Sternen zu heben, und zu sehen, was du einst verloren hast. Wenn du dann noch die Stärke hast, der Wulf zu sein, der du einst warst, dann wirst du einmal mehr auf dich als Wulf erheben. Wenn nicht, dann wird die Wolfheit sterben."
Der sterbende Wulf starrte seine Wulfin an, blickte in ihre klaren Augen und sah, was er verloren hatte. Er sah, dass er sie liebte und dass sie, trotz allem, auch ihn liebte. "Und was ist mit dem anderen Jungen, das meine sterbliche Gefährtin zur Welt bringen wird?" flüsterte er.
Wulfin schwieg lange, unsicher, ob sie sagen sollte, wer dieses Junge sein musste. Aber dann sagte sie schliesslich: "Dieses Junge erde ich selbst sein, damit du nicht allein auf der Erde bist, und damit dich all dein Leiden hindurch ein anderer sterblicher Wolf wahrhaft liebt." "Wirst du wissen, wer ich bin?", fragte Wulf, als aus dem Herzland der Wölfe das Geburtsgeheul seiner sterblichen Gefährtin ihn hinab zur Erde zu rufen begann, hinein in ein dunkles Jahrtausend der Sterblichkeit.
"Ich werde nicht vergessen", flüsterte Wulfin und berührte ihn. "Ich werde wissen, aber mit wem kann ich mein Leiden teilen? Gewiss bin ich mitverantwortlich für deinen Fall, und mein Leiden wird sein, das Leiden all deiner Leben zu beobachten und unfähig zu sein, dir wirklich zu helfen, bis das letzte deiner Leben anbricht." Wulf sah, wie tief ihre Liebe für ihn war. Als er starb, war sein Geheul schwach und sanft, wie das Gefiepe eines Jungen, das nach der Wölfin ruft, die es noch nicht sehen kann. So fiel Wulf von den Göttern zur Erde, und so folgte ihm Wulfin, um sterblich wieder geboren zu werden und den Fluch eines dunklen Jahrtausends zu durchleben; der eine, um danach zu streben, wieder die Welt als wulf zu sehen, die andere, um dem, den sie liebte, all den Trost zu bringen, den sie konnte.
Mit dem Fall von Wulf und Wulfin zu der Zerstreuung des Rudels der Götter begann Rudel um Rudel der sterblichen Wölfe seinen Glauben zu verlieren. Überall in Wulfs Territorium fanden die Menschen die Wölfe schwach. Mehr und mehr Wolfspfade wurden zerschnitten, die Rudel wurden getrennt. Der Feldzug zu ihrer Ausrottung hatte mit dem Beginn dieses verhängnisvollen Jahrtausends angefangen.
Stolz und Torheit, Untreue und Versagen in der Liebe, sie brachten die Wölfe zu Fall und bewirkten, dass sie fast ausgerottet wurden in der Zeit, die auf Wulfs Bestrafung folgte. Schlimmer noch war das Vergessen, denn wenn Gemeinschaften zerbrechen, wenn nicht einmal die Wanderer weit reisen können, ohne zu Ausgestoßenen ihrer Art zu werden, dann verschwindet mit dem Tod eines jeden Wolfes etwas von der Vergangenheit, sodass jede Gemeinschaft nur noch Bruchstücke dessen hütet, was sie einst wusste und gemeinsam hatte.
Selbst die Geschichten von den Göttern und von dem Fluch, der auf Wulf ruhte, gerieten fast in Vergessenheit, außer dass irgendwo in den verflossenen Jahrtausend ein Wolf, der - ohne es zu wissen - Wulf selbst war, lebte und starb und wieder geboren wurde, jedes Mal ein wenig weiser, nie wissend, was er war, aber immer bestrebt, wieder die Göttlichkeit zu finden, die er gekannt und verloren hatte und die für alle Ewigkeit wieder zu gewinnen er schliesslich in seinem letzten Leben noch einmal Gelegenheit haben würde.
Copyright (William Horwood - Die Wölfe der Zeit)
Geändert am 28.11.2002 um 17:20 Uhr von Smaragdwoelfin Geändert am 08.12.2002 um 17:40 Uhr von Smaragdwoelfin |
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